Willkommen daheim!

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Samstag, 14. April 2018

Lieblingszitate: Der kleine Mann von Archangelsk


„Glauben Sie nicht, Sie wären hier glücklich?“
Da gab sie ihre freimütigste Antwort:
„Jedenfalls hätte ich meine Ruhe.“
„Das ist immerhin etwas, nicht wahr?“
„Sicher. Nur: wenn's zwischen uns beiden nicht klappt? Sprechen wir nicht mehr davon. Ich bin nicht das Mädchen, das einen Mann wie Sie glücklich machen kann.“
„Auf mich kommt es nicht an.“



Man hatte ihn nicht verstanden oder er hatte die andern nicht verstanden, und dieses Mißverständnis hatte nun keine Aussicht mehr, je geklärt zu werden.
Einen Augenblick überkam ihn die Lust, sich in einem Brief zu erklären; aber das war nur eine letzte Eitelkeit, deren er sich schämte und auf die er verzichtete.


Der kleine Mann von Archangelsk von Georges Simenon (Deutsch bei Diogenes)

Sonntag, 1. April 2018

Ein Film von Mike Figgis - Liebestraum (1991)


Liebestraum ist ein Film von Mike Figgis, der mich komplett unvorbereitet traf. Ein schwer fassbares, faszinierendes Werk. Mystery, Noir, Romanze, Thriller in einem und doch ganz eigen, an manchen Stellen sogar außerordentlich lynchesk. Das leicht gedehnte Erzähltempo funktioniert hervorragend und lässt einen die vielen intimen Momente genießen, die die Kamera einfängt und die Montage abrundet. Die Geschichte eines historischen Gebäudes, das vorm Abriss steht und dunkle Geheimnisse aus der Vergangenheit beherbergt, hätte auch alle Zutaten für einen italienischen Giallo. Doch der Film macht mehrere Metamorphosen durch. Er beginnt als Film Noir, entwickelt sich zu einem Geisterfilm, der sich in eine Romanze verwandelt, die am Ende wieder eine bedrohlich somnambule Qualität erreicht.

Erfolgreich war der Film freilich nicht. Nach dem Achtungserfolg von Figgis' Internal Affairs blieb er in jedem Fall hinter den Erwartungen zurück. Auch die Kritiker taten sich schwer. Roger Ebert schrieb damals: „Anderson, as the hero, is asked to do too much introspective brooding for any one actor. Pullman, as the villain, lacks hatefulness and edge. Gidley, as the heroine whose past contains her fate, is in one of those roles that has no dimension except as an element of the plot.“
Eine treffende Demonstration amerikanischer Besessenheit von pedantischer inhaltlicher Ausformulierung. Wenn Schauspieler nicht genug machen („machen“ ist hier das Zauberwort, denn die Charaktere müssen immer etwas machen, um „den Plot voranzutreiben“) oder sagen, wird sofort ein „lack of character“ diagnostiziert. Und ein generischer Thriller wie Kenneth Branaghs Dead Again, der zeitgleich mit Liebestraum erschien, gilt als gelungener, weil er wie ein Zirkusaffe seinen Drehbuchkapriolen folgt und wir alle uns daran erfreuen.
Ebert zieht folgendes Resümee: „Figgis, who shows once again that he is a visual master, is guilty of a screenplay that is all twists and no substance.” Ein ähnliches Fazit aus der Variety-Kritik: „Figgis’ problem here is the confused script, which doesn’t seem to have a point.” Das alte style-over-substance-Argument schließt den Fall ab und wir können alle beruhigt nachhause gehen.
Aber was, wenn die substance im style verborgen liegt? Was, wenn der Film mit seinen ästhetischen Strategien mehr zu den Achtziger Jahren gehört als zu den pragmatischeren Neunzigern? Was, wenn die Charaktere nicht aus dem bestehen, was sie sagen, sondern aus ihren Pausen, ihren Blicken und ihren Silhouetten, die uns aus den Schatten heraus ihre Geheimnisse zuflüstern? Was ist, wenn Mike Figgis uns die Noten hören lässt, die nicht gespielt werden? 

Hier geht’s zu meiner Filmbesprechung

Donnerstag, 31. August 2017

Broadway Jungle (1955)


This is the Hollywood Jungle. Looks innocent enough, but behind all those studio fronts, that's another story.

Der Geist von Nathanael Wests Day of the Locust weht durch diesen Film. Hexenkessel Hollywood. Dies ist sie, die Geschichte hinter den blumigen Apologien, den glitzernden Fassaden, den nicht zu ende geträumten Träumen! (Also, wieso dann Broadway Jungle?)
Der allwissende Voice-Over-Kommentar stellt uns mit besoffener Stimme die Protagonisten vor: Fletcher, der Möchtgernregisseur; George Gomez, genannt Georgie Boy, Juniorproduzent dank gestohlenem Mafiageld; Lina, die abgehalfterte Schauspielerin, die auf ihr Comeback wartet; Bruno, der stumme Killer („If he gets caught, he can't talk!“); und der namenlose Boss, der sein Geld zurückhaben will.

Der Boss...

Phil Tucker zeigt verkommene Mobster, eitle Manipulatoren, blonde Dummchen und andere Lebenskünstler, die durch sein klaustrophobisches Setting geistern, das aus kalten Gebäudefassaden, anonymen Straßen und kargen Zimmern besteht. Verwackelte Bilder und enigmatische Perspektiven werden zusammengehalten von einer wirren Montage. Unterbelichtete Szenen ohne Ton, die mit unpassender (Archiv?-)Musik überzogen werden, fallen über den Betrachter her. Spannungssequenzen transzendieren sich selbst, weil sie so quälend lang dauern, dass man von einer existenziellen Müdigkeit erfasst wird (Paul Schrader nennt so etwas „Transcendental Style in Cinema“). Zahlreiche Irritationen reihen sich aneinander. Die Figur von Lina wird zum Beispiel meist aus dem Off synchronisiert. Ihre Stimme klingt dabei so einschläfernd wie die Stimme von HAL aus 2001 – A Space Odyssee. In einer Szene sieht man Lina sich endlos lang anziehen, während Georgie Boy konzentriert seine Zigarette raucht. Die Musik ist erst heroisch, dann spannungsgeladen, dann sorgenvoll, dann angsteinflößend. Schließlich küssen sich Lina und Georgie Boy. „Oh, Georgie Boy!“, haucht die sanfte Computerstimme aus dem Off.


 







Die Schauspieler hat Tucker wahrscheinlich direkt von der Straße geholt, wenn man ihr Talent in Betracht zieht. Andererseits haben sie auch eine gewisse Präsenz auf der Leinwand, vor allem der schmierige Gangsterboss, auf dem die Kamera manchmal eine Ewigkeit verweilt, ohne dass man versteht, warum (Transcendental Style eben).
Überhaupt scheint Tucker permanent Zeit zu schinden. Der Film muss wohl aus dem Moment heraus improvisiert worden zu sein, eine günstige Gelegenheit, nach dem Motto: „Willst du einen Film drehen? Du hast drei Tage!“ Vielleicht waren es auch nur zwei.

"Willst du einen Film drehen? Du hast drei Tage!"

Nach einem Film wie Robot Monster, der im Vergleich wie ein starbesetzter Blockbuster wirkt, ist Broadway Jungle, was das production value angeht, natürlich ein Rückschlag. Aber es sollte nicht mehr lange dauern, bis Tucker mit Cape Canaveral Monsters nochmal beweist, dass er einen Film machen kann, der auch wie einer aussieht. Das ist auch schön, denn im Vergleich zu seinen filmischen Schnellschüssen ist Ed Wood Stanley Kubrick. Doch dann wäre Tucker Ed Wood und das ist auch nicht schlecht. Sein übriges Werk, soweit auffindbar, steckt voller Überraschungen, Surrealismen und wagemutigen Experimenten, die den Zuschauer meist verwirrt und ratlos zurücklassen, aber auch seltsam beglückt. Aber wie soll man mit seinem oberflächlichen irdischen Verstand auch einen Film bewerten, der offensichtlich nicht von dieser Welt ist? Und wie soll man einen Regisseur bewerten, der sein eigenes schwarzes Loch ist, das noch immer seiner Entdeckung harrt?
 
"Public Domain?"

Erhältlich bei Something Weird Video

Montag, 24. Juli 2017

Depri Dog Facts


1. Depri Dog wollte mal mit dem Schwanz wedeln, aber dann ließ er es doch bleiben.

2. Eines Morgens machte sich Depri Dog auf den Weg. Er kam niemals an.

3. Als Gott ihm gerade den Sinn des Lebens erörtern wollte, verlor Depri Dog das Interesse und hörte nicht mehr hin. Danach fand er sich plötzlich in einem Katzenhotel wieder.

4. Garfield wollte dringend Depri Dog kennenlernen und bat um eine Audienz. Depri Dog lehnte ab, weil er keine Hunde mochte, die „auf ihren Hundehütten schliefen“.

5. Kurz bevor Brangelina sich getrennt hatten, wurde Depri Dog häufig auf ihrem gemeinsamen Anwesen gesichtet.

6. Laut einer Bertelsmann-Studie kriegen Depri-Dog-Leser weniger Kinder.

7. Das letzte Theaterstück von Samuel Beckett, „Warten auf Depri Dog“, blieb nicht nur unvollendet, sondern wurde sogar von seinem Nachlassverwalter in weiser Voraussicht vernichtet.

8. Keyboard Cat hat mal einen Depri-Dog-Cartoon gelesen. Seitdem spielt er kein Keyboard mehr.

9. Was Viele nicht wissen: Depri Dog hat den Sommerhit „Despacito“ geschrieben.

10. Du hast keine depressive Episode. Depri Dog hat nur gerade geniest.