Willkommen daheim!

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Freitag, 26. Dezember 2014

Silent Night, Bloody Night (1972)


Es ist ja Weihnachten, also empfehle ich einen Weihnachtsfilm, der es in sich hat. Theodore Gershunys "Silent Night, Bloody Night" ist ein wunderbar atmosphärischer Gruselfilm um ein Haunted House und das schreckliche Geheimnis, das dieses in sich birgt. Toll besetzt mit Patrick O'Neal (in einer Janet Leigh-Rolle), der leicht entrückten Mary Woronov (damals noch mit dem Regisseur verheiratet), John Carradine (der hier keinen Text lernen musste) und "The Face" James Patterson, dessen letzter Film das werden sollte. 

Troma-Gründer Lloyd Kaufman war einer der Ko-Produzenten des Films, der von der legendären  Cannon Group vertrieben wurde. Der Film ist in der Public Domain und kann hier in seiner ganzen Pracht (vor allem im richtigen Bildformat) angeschaut werden.

Wer sein Weihnachten düster mag, ist hier richtig. Alle anderen gucken lieber diesen Film.

Sonntag, 21. Dezember 2014

Die Gezeichneten - Teil 3


Am nächsten Morgen bereute ich den Entschluss, dachte aber, ich hätte es eh nicht getan. Ich hatte leidglich sehr plastisch geträumt. Trotzdem überprüfte ich sogleich mein E-Mail-Postfach um mit Entsetzen festzustellen, dass alles, wovon ich geträumt hatte, der Wahrheit entsprach. Die Nachricht, die ich an Kröger schrieb, war einigermaßen artikuliert, was mich angenehm überraschte. Ich schrieb über die Unübersichtlichkeit des Buchmarktes, über die geringen Chancen, die einem jungen Autor in der harten Welt des Raubtierkapitalismus blieben und über den Übermut der Jugend, der mich dazu veranlasste,  „Der Tod und das Leben“ bei einem unseriösen Verlag zu veröffentlichen. Aber den letzten Satz hätte ich mir trotzdem sparen können: „Sie haben meine Gefühle verletzt, und jetzt geh ich ins Bett!“
Vielleicht würde er das ja für ein rhetorisches Versehen halten, statt für das, was es ist. Aber wahrscheinlich nicht. Ich beschloss, die Sache zu vergessen, und mich endlich dem Ende meines Studiums zu widmen. Es wurde Zeit.
Das klappte auch ganz gut für die ersten paar Tage. Ich ließ mich wieder an der Uni blicken, ging zu Sprechstunden, und recherchierte Prüfungsthemen. Das Leben ging seinen gewohnten Gang, bis ich einen seltsamen Brief in meinem Briefkasten fand. Kein Absender. Nur eine handgeschriebene Nachricht: „Heute Abend um 23 Uhr in der Tiefgarage (Cinestar). Kommen Sie allein. K.“
Es war nicht mein erster Impuls, den Buchstaben K. mit Kröger in Verbindung zu bringen. Zunächst dachte ich an einen Streich, möglicherweise von Mark, dann dachte ich an eine Verwechslung. Aber der Drang zur Wahrheit war zu groß. Ich musste hingehen.

Nun wartete ich schon seit einer halben Stunde. In der Tiefgarage war es kalt und gruselig. Einsame Schritte, die durch die Dunkelheit hallten, quietschende Reifen und Alarmanlagen regten meine schlimmsten Befürchtungen an. Darüber hinaus war ich nicht der Einzige, der nachts in Tiefgaragen abhing. Ein paar Obdachlose streunten herum und musterten mich aus der Ferne. Was für ein Idiot, dachten sie sicher. Den ziehen wir ab. Ich konnte es ihnen nicht verübeln. Welcher Mensch machte so was? Vielleicht gab es auch keine Nachricht von K., sondern nur mein Unterbewusstsein, das sich Dinge ausdachte, die mich vom Studium abhielten. Wie dem auch sei, ich musste mein Leben dringend überdenken. Mir einen vernünftigen Job suchen. Vielleicht als wissenschaftliche Hilfskraft. Ein paar alte Freunde anrufen, die ich länger nicht mehr gesehen hatte. Mit der Sauferei Schluss machen. In eine bessere, grünere Gegend ziehen. Mir ein Fahrrad zulegen, um der Abhängigkeit von Bus und Bahn eine gesunde Alternative entgegenzusetzen. Wieder Gedichte schreiben, wie ich es während der Schulzeit getan hatte. Rosen sind rot, und…
„Herr Wasilewski?“, fragte eine Stimme aus dem Nichts.
Ich erschrak. Ich sah mich um, doch es war niemand da.
„Entschuldigen sie die Verspätung. Ich hab sie überall gesucht. Ich hätte einen genaueren Treffpunkt benennen sollen. Meine Schuld. Bitte erschrecken sie jetzt nicht.“
Plötzlich leuchteten keine vier Meter vor mir zwei grelle Scheinwerfer auf. Jemand stieg aus dem Wagen. Er stellte sich vor die Scheinwerfer, und die Silhouette eines mittelgroßen Mannes in einem Trenchcoat zeichnete sich ab. Einen Hut trug er natürlich auch.
„Wer sind sie?“
„Sie wissen, wer ich bin.“
„Herr Kröger?“
Er trat einen Schritt näher: „Nicht so laut.“
„Ich verstehe nicht ganz“, flüsterte ich.
„Reine Vorsichtsmaßnahme, hat nichts mit ihnen zu tun. Also, entspannen sie sich.“
„Leicht gesagt. Ich hab das Gefühl, dass ich jeden Moment von einer magic bullet getroffen werde.“
Kröger lachte: „Bitte, Herr Wasilewski. So wichtig sind sie nicht.“
„Ich weiß“, sagte ich bitter. „Es war nur mein Überlebensinstinkt.“
„Bitte verstehen sie mich nicht falsch. Sie sind ein großes Nachwuchstalent. Ihr Stil erinnert mich an mich, als ich jünger war.“
„Was war dann das Problem? Ich entschuldige mich übrigens für meine etwas voreilige Mail. Sie entstand im Eifer des Gefechts, und ich weiß natürlich, dass so etwas Banales wie ein Book-on-Demand nicht…“
„Seien sie still, um Himmels Willen!“, rief er.
„Wie bitte?“
„Nicht dieses Wort! Wer weiß, wer noch hier ist.“
„Also doch…“
„Ja, Herr Wasilewski. Ihr kleines… Buch, möchte ich es mal nennen, hat ihnen leider keinen guten Dienst erwiesen.“
„Aber wieso?“, fragte ich. „Es ist doch so lange her. Es war ein Unfall. Ich war jung und hatte das Geld.“ 
„Verstehen sie, in unserer Branche kommt ein BOD praktisch dem Todeskuss gleich. Wer ihn einmal erhalten hat, ist ein toter Mann.“
Ich war schockiert. Doch es war nur allzu logisch. Alles fügte sich zu einem schlüssigen Gesamtbild. Ich hatte mir mein eigenes Grab geschaufelt.
„Es ist nicht nur so“, sagte Kröger, „dass die BODs vom Buchmarkt einfach ignoriert werden. Das glauben die Meisten. Aber es geht noch weiter. Wer ein BOD verzapft hat, kann sich eine Veröffentlichung bei uns abschminken. Genauso bei den anderen etablierten Verlagen. Ihr Name kommt in ein Word-Dokument, auf eine schwarze Liste, sozusagen. Die Zuständigen tragen die neusten Namen ein, und aktualisieren das Dokument. Jede Woche kommen mehr Namen hinzu. Eine Löschung aus der Liste ist quasi unmöglich, das Dokument ist nämlich schreibgeschützt. Und man muss einflussreiche Freunde haben und Geld. Viel Geld. Aber selbst dann steht man vor enormen Hürden. Es gibt eine fünfköpfige Jury, die über jeden Fall einzeln entscheidet. Und jedes Jurymitglied hat ein Vetorecht. Wie gesagt, es ist unmöglich.“
„Aber ist das nicht etwas übertrieben?“
„Sie verstehen immer noch nicht, Herr Wasilewski. Sie glauben, es handelt sich um ein arrogantes kleines Spiel von Verlegern und Lektoren? Wachen sie auf! Sie stecken alle mit drin, die Politik, die Justiz, die Wirtschaft. Wer, glauben sie, hat zu Guttenberg fertig gemacht?“
„Den ehemaligen Verteidigungsminister? Aber… aber das würde bedeuten…“
„Ganz genau! Auch er hat in seiner Jugend so eine Dummheit begangen. Ein autobiographischer Briefroman. ‚Die Leiden des jungen Karl Theodor‘. Unter Pseudonym zwar, doch das haben die rausgefunden. Natürlich hat man in der Öffentlichkeit so getan, als ginge es um seine Doktorarbeit. Aber bei der bescheißt jeder, wie alle wissen, die so einen Titel tragen.“  
„Mein Gott.“
„Ich begebe mich übrigens in größte Gefahr, nur weil ich mit ihnen rede, Herr Wasilewski. Aber ich war wirklich beeindruckt von ihrer Arbeit.“
„Sie sagten, mein Text sei drängend, kraftvoll.“
„Das war er auch. Als ich das gesamte Manuskript gelesen habe, war ich ganz außer mir. Doch ich hatte auch Angst. Denn bei der Recherche würde rauskommen, ob sie ‚gezeichnet‘ sind. So nennen wir alle Autoren, die auf die Liste kommen. Die Gezeichneten.“
„Aber wie konnte es so weit kommen?“, fragte ich. „Haben die Verlage so viel Angst vor den neuen Entwicklungen des Marktes?“
„Die Verlage haben vor allem Angst, was ihre Stellung gefährdet. Und sie haben allen Grund dazu. Sehen sie sich das 21. Jahrhundert an. Keiner liest mehr. Alle surfen im Internet, und schauen sich Videos an von einer Durchschnittslänge von 30 Sekunden. Sinneinheiten von mehreren Minuten Länge haben keine Chance mehr. Wenn bewegte Bilder nicht mehr ziehen, was sollen tote Buchstaben dann noch ausrichten?“
„Ich lese im Internet noch.“
„Im Internet liest man nicht, man überliest. Allerhöchstens. Geben sie zu: welchen Text im Internet lesen sie wirklich ganz?“
„Erwischt.“
„Sehen sie? Deswegen ist die Marginalisierung das einzige Mittel, mit dem man diese Entwicklung wenigstens verlangsamen kann. Und es wird noch schlimmer, bevor es besser wird. Die Literatur wird noch elitärer werden. Ich hab geheime Pläne gesehen, die mir das Blut in den Adern gefrieren ließen. Verstehen sie…“
Doch bevor er seinen Satz beenden konnte, erfüllte ein unerhört lauter Knall die Tiefgarage. Kröger fiel zu Boden. Er öffnete den Trenchcoat. Eine gewaltige Wunde klaffte auf der rechten Seite. Er biss die Zähne zusammen.
„Herr Kröger!“
„Verschwinden sie, schnell! Sie werden sie sonst holen.“
„Ich komme zurück. Ich hole die Polizei und einen Krankenwagen.“
„Seien sie nicht naiv. Keiner wird ihnen die Geschichte glauben. Außerdem werden sie es gleich zu Ende bringen. Und in der Zeitung wird zu lesen sein: Berühmter Verleger erschießt sich selbst. Familie und Freunde sind geschockt.“
„Ich lasse sie hier nicht zurück!“  
„Kanzlerin Merkel sagte, Deutschland hätte einen der bedeutendsten Denker und Literaten seit der Wiedervereinigung verloren. Aus aktuellem Anlass wiederholt die ARD die Dokumentation ‚Kröger. Ein Leben wie ein gutes Buch‘. Die nachfolgenden Sendungen verspäten… sich…“
Ich überließ ihn seinem Delirium und rannte so schnell es ging. Ich hatte keine Ahnung, woher der Schuss kam. Das einzige, was ich hörte, waren ich selbst, außer Atem, und meine Schritte. Doch je näher ich dem Ausgang kam, umso mehr schien ich ein Raunen im Nacken zu vernehmen, das sich über den ganzen Raum ausbreitete. Es waren die letzten Worte des Mannes, der sich für mich geopfert hatte: „Kröger hinterlässt eine Frau… zwei Kinder, und eine Geliebte. Auf seinem Grabstein soll stehen: ‚Auch ich war gezeichnet‘“ 

Danke an Emil für die Idee

Donnerstag, 18. Dezember 2014

Die Gezeichneten - Teil 2


Intermezzo: Die Kamikaze-Katzen

„Kann ich euch noch was zu trinken bringen?“, fragte ich.
„Nein, danke“, sagten beide unisono. Sie waren recht jung, kaum zwanzig. Die Gutaussehende hieß Marissa, und irgendwie verhielt sie sich auch so. Die Andere hieß Lisa und studierte Psychologie. Ihren Bachelor hatte sie in Wien gemacht. Jetzt wollte sie ihren Master in Frankfurt machen. Wir gingen zusammen auf den Balkon, während Mark sich mit der leeren, aber überaus hübschen Marissa unterhielt.
Sie setzte sich auf einen Stuhl und holte ihr Smartphone hervor.
„Ich zeig dir jetzt mein momentanes Lieblingslied.“
Ich war gespannt. Doch was schließlich aus ihren Lautsprechern drang, war ein typisches Club-Lied, reiner Beat, unterlegt mit Elektrosounds. Kein Gesang. Von einem Lied im eigentlichen Sinne konnte nicht die Rede sein. Von einem Lieblingslied noch weniger.
Ich nickte anerkennend. Sie lächelte. Trotzdem musste ich um eine Zigarette bitten, als sie sich eine anstecken wollte.
Sie drehte die Lautstärke auf und ließ den Blick schweifen.
„Entschädigt für die achtzehn Quadratmeter“, sagte ich.
„Was, der Blick?“
„Ja. Na ja. Manchmal.“
Sie schloss ihre Augen. Sie genoss ihre Beats. 
„Hast du nicht auch manchmal Lust“ fragte sie mich, „einfach in dein Auto zu steigen, und loszufahren? Wenn ich diesen Song höre, dann möchte ich einfach nur losfahren, und nie mehr wiederkommen. Ich möchte Gas geben, immer schneller werden, und dann gegen eine Mauer prallen. Also, nicht wirklich. Aber schon ein bisschen. Kennst du das Gefühl?“
„Na ja, ich fahr nicht so oft Auto.“
Meine Eltern wären sicher auch nicht erfreut zu erfahren, dass ich ihren Wagen, denn es wäre selbstverständlich ihr Wagen, betrunken, denn es wäre ganz bestimmt betrunken, vor die Wand fahre. Aber das verriet ich ihr lieber nicht.
Jedenfalls schaffte sie es nicht, eine Verbindung zwischen uns aufzubauen. Ich gebe zu, es lag an mir. Ich schaute manchmal rüber zu Mark und Marissa. Er schien sich auch nicht wirklich zu freuen. Und Marissa schien ununterbrochen zu reden. Ob sie dieselben bedenklichen Fantasien hatte wie ihre Freundin? Waren sie im Internet vielleicht sogar schon bekannt als die Suizid-Schwestern? Die Kamikaze-Katzen?
Lisa vergrub sich in ihr Smartphone. Der Song spielte noch. Vielleicht war es bereits ein anderer. Ich langweilte mich. Doch nicht sehr lange. Lisa stellte ihren Player noch lauter, stand plötzlich auf, ruhig und konzentriert, und versuchte dann vom Balkon zu springen. Es passierte alles so schnell. Ich dachte nicht, sondern reagierte. Ich hielt sie fest, so gut ich konnte. Sie zappelte wie ein Fisch.
„Lass mich“, schrie sie. „Ich will nicht mehr leben!“
„Immer mit der Ruhe“, sagte ich, und versuchte einen Blick auf Mark und Marissa zu erhaschen. Sie merkten nicht mal, dass wir hier ein Problem hatten.
„Nein, es ist alles sinnlos! Lass mich!“
Während ich sie so festhielt, konnte ich nicht anders, als daran zu denken, wie ich das Chaos meinem Hausmeister erklären würde. Er mochte mich ohnehin nicht. 
„Du springst jetzt nicht“, schrie ich, und entfernte sie mit aller Kraft vom Geländer. Ich setzte sie wieder auf den Gartenstuhl. Mark und Marissa hatten nichts mitbekommen. Lisa saß da, Tränen strömten ihr still übers Gesicht. Ich wollte sie um eine Zigarette bitten, doch ich traute mich nicht zu fragen.
Doch ihre Laune besserte sich zusehends. Bis die Tränen verschwanden, ihr Gesicht wieder Farbe bekam und sie ein breites Grinsen aufsetzte. Das alles spielte sich innerhalb weniger Sekunden ab.
„Du hast den Test nicht bestanden“, sagte sie. „Du bist bloß ein Spießer, wie all die anderen.“
„Wie bitte?“
„Na ja. Es ist schon spät. Wir müssen noch einen Abstecher nach Wiesbaden machen“, sagte sie, als hätten wir gerade eine gemächliche Partie Schach hinter uns.
„Um diese Uhrzeit?“
„Hab grad eine SMS von einem Freund bekommen“, sagte sie, und zeigte mir wie zum Beweis das leuchtende Display ihres Smartphones. „Er braucht meine Hilfe.“
Ich glaube, ihr entging die Ironie ihrer Aussage.
„Wieso?“, fragte ich. „Braucht er deine Fingerabdrücke auf ‘ner Waffe?“
Wir gingen hinein. Marissa erzählte Mark, dass ihr kleiner Bruder sich momentan auf Weltreise befand, und dass die Familie sich große Sorgen machte. Ihren Freund erwähnte sie auch in einem Nebensatz. Marks Gesichtsausdruck wechselte von „gelangweilt“ zu „wozu das Ganze dann?“.
„Marissa, wir müssen los“, sagte Lisa. „Es geht um Hamid. Ich erklärs dir später.“

„Was war das denn?“, fragte Mark, als ich die Beiden verabschiedet hatte.
„Das war eine interessante halbe Stunde“, sagte ich.
„War deine auch so langweilig?“, fragte er. „Meine hörte nicht auf zu reden. Es war so lähmend. Sie war absolut davon überzeugt, was Interessantes zu sagen. Außerdem redete sie pausenlos über ihren Bruder, der wohl ein Idiot ist. Das war bevor ihr beiden Turteltauben wieder reinkamt. Ich dachte mir: es ist mitten in der Nacht, ich bin ein Mann, sie nicht, lass uns das Beste draus machen, und dann schwallt sie mich zu?“
„Meine wollte bei mieser Clubmucke gegen eine Wand fahren und sterben. Vielleicht auch nicht. Aber so ähnlich. Dann wollte sie sich vom Balkon stürzen. Aber auch irgendwie nicht.“
„Frauen…“
„Mark, woher kanntest du die Beiden überhaupt?“
„Facebook.“
„Ich hoffe, das war dir eine Lehre.“
„Larissa sah nett aus. Ihr Profilfoto allein…“
„Marissa. Nicht Larissa.“
„Bist du sicher?“, fragte er.
„Ja.“
„Ich hätte es eh nicht erfahren. Ich kam kaum zum Reden. Ich hätte lieber mit der Anderen tiefschürfende Gespräche geführt.“
„Du hättest sie nur gelangweilt. Sie mag nämlich keine Spießer wie uns.“
„Und jetzt?“
„Ich bin jetzt betrunken genug, um Joachim Kröger eine weitere Mail zu schreiben“, meinte ich.


Dienstag, 16. Dezember 2014

Die Gezeichneten - Teil 1



Eine Erik Wasilewski-Geschichte


Ich konnte es nicht glauben, als ich die E-Mail las. Ich musste sie ausdrucken, und in den Händen halten. Ich musste sie nochmal lesen, immer wieder. Bis ich endlich begriff:

Lieber Herr Wasilewski,

vielen Dank für den Auszug ihres Romans „Die Leiden des jungen Erik“. Was ich gelesen habe, klingt sehr vielversprechend, ich würde Sie also bitten, mir das gesamte Manuskript zu schicken. Selten liest man etwas so Drängendes, Kraftvolles. Ich bin gespannt.
Mit freundlichen Grüßen

Joachim Kröger

Joachim Kröger. Der Joachim Kröger. Das Aushängeschild seines Verlags, ein smarter Lektor, ein geschickter Verleger, und selbst ein meisterhafter Schriftsteller. Er hatte die ersten 30 Seiten meines Romans gelesen, und war angetan. Es war ungeheuerlich. In was für einem Paralleluniversum konnte mir so etwas schon passieren?
Ich machte Luftsprünge vor meinem Laptop, und war froh, dass mich niemand dabei beobachtete. Ich war glücklich. Einfach glücklich. So fühlte es sich also an.
Nicht, dass ich es nicht verdient hätte. Ich war ziemlich stolz auf meinen ersten Roman. 200.000 Wörter verfasst in einem Zeitraum von drei Jahren, immer zwischen Seminaren, Partys, Gelegenheitsjobs, und den Schweinehundmomenten. Das Ganze handelte von einem jungen, schwermütigen Intellektuellen, der sich von der Welt missverstanden fühlt, eine unglückliche Liebe erfährt, dann noch eine, und schließlich Selbstmord begeht. Harter Stoff.
Ich zwang meine Freunde, das Manuskript zu lesen. Den Meisten gefiel es nicht, aber sie hatten Respekt vor der Anzahl der Wörter.
„Echt nicht mein Ding“, sagte Harri Schuster, „aber mach ruhig weiter so.“
„Ich lese nur Geschichten, in denen es um was geht“, sagte Mark, „No Offence!“
„Hast du das selbst geschrieben?“, fragte Sebastian.
Doch die konnten mich nicht demoralisieren. Denn was ich schrieb wurde quasi von ganz oben abgesegnet. Der Schriftsteller Volker Herberg, ein Dichter aus der ehemaligen DDR, kam eines Tages zu einer Lesung an meine Schule. Ich war sechszehn, und hatte bereits erste Gehversuche als Autor unternommen. Herberg war der erste Schriftsteller, den ich getroffen hatte, also ging ich zu ihm hin, und erzählte ihm von meinen Kurzgeschichten und meinen Träumen, ein bekannter Schriftsteller zu werden. Zu meiner großen Überraschung hörte er mir zu, und war tatsächlich interessiert. Ich sollte ihm doch was schicken. Ich tat es, und bekam von ihm einen handschriftlichen Brief mit Kommentaren und Ermunterungen. Ihm gefielen meine Sachen. Ich war außer mir vor Freude. Da war ich, noch nicht aus der Schule raus, und kommunizierte mit Volker Herberg auf Augenhöhe. Zwei Schriftstellerkollegen, die Ideen austauschten. Ich schickte ihm ständig neues, doch irgendwann beendete er unsere Korrespondenz mit den Worten: „Sie sind jetzt an einem wichtigen Wendepunkt in ihrem noch so jungen Leben angelangt. Möchten sie Papier füllen oder Schriftsteller werden?“
Er wollte, dass ich aufhörte, ihm ständig Briefe zu schreiben, glaube ich mittlerweile. Doch damals nahm ich mir den Rat sehr zu Herzen. Ich fing an, darüber nachzudenken, was ich da eigentlich schrieb und warum. Ich hörte auf, mich für so wichtig zu nehmen. Das hielt für eine Weile an. Dann kam ich an die Uni und traf lauter Leute, die sich für wichtig nahmen. Dann fing ich wieder an zu schreiben, natürlich nur über die großen Themen: Liebe und Tod. Das kulminierte irgendwann in dem Mammutwerk „Die Leiden des jungen Erik“.
Die nächsten Tage verbrachte ich vor dem Laptop, ständig auf mein Postfach schielend. Wann würde er mir antworten? Und wie? Würde ihm der Roman gefallen? War er vielversprechend genug? Kommt er rechtzeitig zur Buchmesse raus?

Mark hatte mal wieder nichts zu tun, und quartierte sich bei mir ein. Wir diskutierten über seinen neuen Job als Veranstalter einer Kaffeefahrt auf dem Rhein, und tranken Instantkaffee.
„Haben die vom Verlag sich schon gemeldet?“, fragte er.
„Nein. Ich warte schon seit vier Wochen… irgendwas muss vorgefallen sein.“
„Die lassen jetzt nicht alles stehen und liegen, um deine Autobiographie zu lesen.“
„Das ist keine Autobiographie.“
„Nicht offiziell zumindest“, sagte er. „Übrigens, hast du gewusst, dass der Khan Cent Shop in der Bahnhofsstraße jetzt dicht macht?“
„Wirklich?“
„Kein Witz. Ich bin eben dran vorbeigefahren. Und weißt du, wer Schuld hat? Der neue T€di, der ein paar Meter weiter aufgemacht hat.“
Ich seufzte: „So werden die ehrlichen, kleinen Geschäfte verdrängt. In diesem System gibt’s keinen Platz mehr für die guten alten Cent Shops.“
„Ich hab da mal ‘ne Zahnbürste gekauft“, meinte Mark. „50 Cent. Wetten, beim T€di ist dieselbe Zahnbürste jetzt doppelt so teuer?“
„Mit dem Kapitalismus stimmt einfach was nicht“, sagte ich. „Hey, was macht eigentlich deine neue Freundin?“
„Ich möchte nicht drüber reden.“
„Was ist los?“
„Es ist mir peinlich.“
„Was denn?“
„Ich fühle mich unwohl in ihrer Nähe. Sie erinnert mich an Sami Khedira. Dieselben vollen Lippen.“
„Du hängst ja auch nur vor dem Fernseher und schaust dir die WM an.“
Es war der Sommer des Jahres 2014. Die Fußballweltmeisterschaft war im vollen Gange, und Deutschland war schon im Viertelfinale.
„Hör auf so viel Fußball zu gucken. Vor allem den Unsinn zwischen den Spielen, die sinnlosen Features und die Propaganda.“
„Ich kann nicht“, meinte Mark. „Es ist wie ein Zwang. Ich fühle mich am Puls der Zeit.“
„Warst du nicht auch am Puls der Zeit, als Russland die Krim annektiert hat?“
„Nee. Ich dachte, die gehörte denen schon längst.“
Mark war ein Feingeist, aber eine geopolitische Null. Ich beließ es dabei, und checkte Mails. Und da war sie, die Antwort von Joachim Kröger.

Sehr geehrter Herr Wasilewski,

habe ihr Manuskript nun gelesen, und muss ihnen leider mitteilen, dass es doch nicht dem entspricht, was wir suchen. Ich wünsche ihnen weiterhin viel Glück.

Joachim Kröger

Ich war mehr als ernüchtert. Zuerst schrieb ich was Drängendes, Kraftvolles (was immer das heißen sollte), und jetzt war es doch nicht das, wonach er suchte. Oder „wir“. Jetzt plötzlich im Plural. Was hatte ich falsch gemacht? 
„Was hat er geschrieben?“, fragte Mark.
„Die wollen mich nicht.“
„Mach dir nichts draus. Die wollen eh nur Geld machen. Echte, männliche Kunst ist nicht gefragt.“
Mark gebar sich gern als Dichter mit Gewehr und Schweizer Armeemesser. Obwohl seine zarten Finger sich nur fürs Klavierspielen eigneten. Aber ich war verwirrt. Irgendwas stimmte mit dieser Mail nicht. Dieser plötzliche Kurswechsel. Als hätte man ihm dazu geraten, mein Manuskript zu vergessen. Doch wieso? Es war nicht politisch, und trat niemandem auf die Füße. Es war rein mit sich selbst beschäftigt. Es war perfektes Klagenfurt-Material.
„Vielleicht haben die in deiner Vergangenheit rumgeschnüffelt und sind auf etwas gestoßen.“
„Ach du, mit deinen Geschichten…“
„Überleg doch mal“, meinte Mark. „Sie haben dich gegoogelt und etwas gefunden, was ihnen nicht gefiel. Vielleicht waren sie auch auf Facebook unterwegs. Oder Friendscout.“
„Ich bin nicht bei Friendscout.“
„Wirklich nicht? Dabei ist das deine letzte Chance. Im Netz kannst du den Mädels noch was vorlügen. In der Realität sehen die sofort was abgeht.“
„Ich bin keine so schlechte Partie“, sagte ich entrüstet. Doch Mark hatte vielleicht Recht. Was, wenn Kröger sich nach meinen Fingerabdrücken im Netz erkundigt hatte? Ein unbedarftes Foto, das jemand auf Facebook gepostet hatte, konnte bereits falsche Signale senden. Kröger und sein Verlag suchten nach ernstzunehmenden Künstlern. Die sollten natürlich auch eine weiße Weste tragen.
Was, wenn ein Namensvetter von Erik Wasilewski das Netz unsicher machte? „Wasilewski erneut nach Kneipenschlägerei festgenommen“. „Bordellbetreiber tot aufgefunden. Wasilewski unter Tatverdacht.“ „Erik Wasilewski, der berühmteste Pfandsammler von ganz Kassel.“ Es war alles möglich.
Während Mark an seinem Smartphone rumspielte, betrieb ich sorgsame Recherche im Netz. Und ich musste nicht lange suchen.
„Ich glaubs nicht“, sagte ich.
„Was hast du?“
„Ich weiß jetzt, warum Kröger mich hat abblitzen lassen.“ Ich machte eine bedeutungsschwangere Pause. „‚Der Tod und das Leben‘.“
Mark schaute von seinem Smartphone auf, und sah mich fragend an. Ich legte meine erste Erschütterung ab, stand auf und begann im Zimmer auf und ab zu gehen. Ich war wie Sherlock Holmes, der nicht nur den Fall längst durchschaut, sondern jede Ironie, die darin lag, ausfindig gemacht hatte. Mark war mein ahnungsloser Dr. Watson.
„Vor sieben oder acht Jahren, ich fing kaum an zu studieren…“
„Hat sich nicht viel geändert“, sagte Mark.
„Wie gesagt, vor sieben, acht Jahren hielt ich mich bereits für einen großen Schriftsteller. Ich hatte meine Deutschlehrer mit meinen Texten genervt. Die organisierten mir sogar eine Plattform für meine Überheblichkeit. Ich hielt Lesungen an Schulen. Ich kam gut an. Die Schüler wollten was Gedrucktes von mir haben. Und ich dachte, ja, ich bin so gut, das steht mir zu. Man soll meine Geschichten gefälligst drucken. Leider war keiner der großen Verlage interessiert. Ich war ständiger Gast auf der Frankfurter Buchmesse, und wollte mich präsentieren. Bis ich zum Stand eines Verlags gekommen bin, der mit den goldenen Worten warb: ‚Manuskripte willkommen‘. Das Ganze hatte auch noch einen seriös wohlklingenden Namen: Friedrich Schiller-Verlag. Und alle hörten sie mir zu. Sie nahmen dankbar meine Manuskripte entgegen, und schon ein paar Tage später hatten wir einen Deal. Für ein paar lumpige Euro würden sie mich verlegen, und alles dafür tun, dass das Werk einen ordentlichen Vertrieb findet, und dass für mich geworben wird.“
„Du hast deine Seele verkauft.“
„Zumindest mein Gehirn hab ich irgendwo liegen lassen. Und ich entschied mich, ein Stück von mir zu veröffentlichen. Es hatte zweihundert Seiten, hatte extravagante und elaborierte Regieanweisungen, teure Kulissen… es war praktisch unaufführbar, wie der zweite Teil von Goethes „Faust“. Dabei war es eigentlich nur ein Dialog zwischen dem Tod und dem Leben.“
„‚Das Leben und der Tod.‘“
„Nicht ganz. ‚Der Tod und das Leben.‘“
„Du hast also ein Book-on-Demand rausgehauen.“
„Ja. Es erübrigt sich zu sagen, dass es weder ordentlich vertrieben noch dafür geworben wurde. Ein Book-on-Demand ist wie ein Party Crasher, der die Gäste beleidigt, und den Schamps leersäuft, und dann noch den Nerv hat zu behaupten, er gehöre dazu.“
„Und dieses Buch geistert noch durchs Netz?“
„Ja. Es ist wie ein rachsüchtiger Geist, der mich für meinen Fehler bestrafen will. Kröger muss drüber gestolpert sein.“
„Du glaubst, er hat’s gelesen?“, fragte Mark.
„Ich weiß nicht. Eher nicht. Ich glaube, die Geste allein hat ihm nicht gepasst. Da tut jemand alles, um verlegt zu werden. Bezahlt sogar dafür. Dabei ist das Jahre her.“
„Ich glaube nicht, dass Kröger so überzogen reagieren würde. Ihm hat doch dein Manuskript gefallen. Das ist doch alles, was zählt.“
„Vielleicht.“
„Dann muss irgendwas anderes vorgefallen sein. Mach dir nicht zu viele Gedanken. Mach dich lieber auf Besuch gefasst.“
„Besuch?“
„Während du dich pausenlos selbst gegoogelt hast, hab ich zwei Mädels angeschrieben, mit denen ich seit längerem rumschäkere. Ich hab sie überredet, herzukommen.“
„Jetzt? Es ist mitten in der Nacht.“
„Keine Sorge, die bringen Alkohol mit.“
„Die Wohnung ist auch nicht besonders aufgeräumt…“
„Entweder die Mädels oder Friendscout, Erik. Also?“
„Na schön, dann sag denen, sie dürfen kommen.“
„Zu spät. Sie sollten jeden Moment da sein.“
Mark war ein echter Freund. Immer bereit zu teilen. Andererseits würden die Mädels eh nur an ihm hängen. Ich würde ihnen allerhöchstens was zu trinken einschenken. Tiefer würde unsere Diskussion nicht gehen.

Fortsetzung folgt

Mittwoch, 26. November 2014

Le porte del silenzio


Mein zweiter Text zu einem Lucio Fulci-Spätwerk ist jetzt bei Eskalierende Träume online: "Door to Silence" aka "Le porte del silenzio", Fulcis letzter Film und einer seiner schönsten. Der Film versprüht im Übrigen herrliches Filmirage-Feeling, wurde er doch von Joe D'Amatos toller Produktionsfirma realisiert. Dafür hat man zwar viel von dem Jazz-Soundtrack von Franco Piana rausgeschmissen und durch Musik aus Claudio Fragassos "Troll 2" ersetzt, aber selbst das hat Charme.

Freitag, 14. November 2014

Masked and Anonymous, Larry Charles und die unergründlichen Wege des Kinos


Dieser Film ist ein kleines Wunder, weil man sich nach der Sichtung wortwörtlich wundert, wie dieser Film entstehen konnte. Ein Film mit Bob Dylan und Dutzenden von Hollywoodstars, das hört sich nach einem straighten Musikfilm an, einem Biopic oder ähnlichem. "Masked and Anonymous" ist nichts dergleichen. Regisseur Larry Charles hat es auf den Punkt gebracht, als er gesgat hat, der Film ist wie ein Bob Dylan-Song, voller kryptischer, aber auch poetischer Momente. Wie ein Puzzle, das nicht dazu da ist, gelöst zu werden. 
"Masked and Anonymous" ist ein wirrer, beunruhigender, aber auch witziger Film über die USA als Bananenrepublik (das ist mal ein Statement...), und über den Sänger Jack Fate (Dylan), der aus einem mexikanischen (?) Gefängnis entlassen wird, um bei einem Benefizkonzert fürs Fernsehen mitzumachen. Bei den Vorbereitungen für das Konzert trifft er auf allerlei bizarre Figuren wie den schmierigen Konzertveranstalter Uncle Sweetheart (John Goodman) oder den abgehalferten Journalisten Tom Friend (Jeff Bridges).

"Masked and Anonymous" ist böse gefloppt, das ist keine Überraschung, aber dass der Film überhaupt existiert, ist unfassbar. Es liegt einerseits an dem Status von Dylan, dessen Name allein viele, viele andere bekannte Namen angezogen hat und so ein gewisses Budget ermöglicht hat. Und doch hab ich das Gefühl, dass Larry Charles und Bob Dylan die Produzenten und die BBC und Sony irgendwie reingelegt haben, ihnen einen straighten, kommerziellen Film versprochen haben, und sich hinterher amüsiert haben, dass sie damit durchgekommen sind. The Joke is on you, folks! 

Mit diesem Film geht es mir wie mit dem Song "All along the watchtower". Er fasziniert mich, aber ich verstehe ihn nicht. Doch es gibt Momente, die dir Welten eröffnen, Diskurse anregen, Momente, die dir lange nach der Rezeption im Kopf herumspuken. Für die Filmkritiker war das damals zu viel. Einen Film sehen und ihn nicht unmittelbar einordnen können? Sakrileg! Prätentiöses Machwerk! Oder: "Vanity project", so hat es Roger Ebert ausgedrückt. Das ist einfach. Und das ist faul.

"One day he had a line for the movie that acually wound up being a lyric for one of his songs - 'I ain't no pig without a wig' - and I'd been working with him long enough to be able to talk to him this way, even though I admired him and worshiped him, I said, 'Bob, you know, even in this movie people aren't going to understand that line.' And he just turned to me and said, 'What's so bad about misunderstanding?' And he was right: what is so bad about misunderstanding?" (Charles im Interview)

Für mich stellt der Film eine utopische Vision des Filmemachens fürs 21. Jahrhunderts dar. So wie Godard und Errol Morris versucht haben, das Vokabular, mehr noch, die Sprache des Films zu erweitern, genauso hat es auch Larry Charles "Masked and Anonymous", aber auch mit "Borat" und "Brüno" angestrebt, und das sogar mit kommerziellem Erfolg. 
Gemeinsam ist diesen drei Filmemachern das Interesse an neuer Technik, an den Möglichkeiten des Digitalen, sowie an alternativen Wegen der Erzählens oder Darstellens mithilfe der Montage. Godard versuchte sich schon früh vom Drehbuch zu lösen, die Sprache des Schnitts vom gesprochenen Wort zu emanzipieren, während Morris vor allem die Sprache und ihre Grenzen in den Mittelpunkt gerückt hat und so, quasi nebenbei, lebendige Portraits von den unterschiedlichsten Charakteren gemalt hat, die von ihren Widersprüchen leben. 
Larry Charles hat mit "Masked and Anonymous" quasi einen spielfilmlangen Song kreiert oder auch eine Songsuite, die er mit Bildern unterlegt hat. Wobei ich den Film auf keinen Fall für eine Rockoper oder ein verfilmtes Musical oder so was halte. Der Film ist ein Dylan-Song. Er hat ein Thema, vielleicht auch mehrere, die immer wieder auftauchen. Er schafft Bilder, die mehr oder weniger skizzenhaft, expressionistisch angelegt sind. Er erzählt Geschichten, sowie Geschichten innerhalb der Geschichten. Und er hat eine unverwechselbare Stimme, die seinem Sänger und seinem Arrangeur gleichermaßen gehört.

Larry Charles ist vielleicht der einzige Intellektuelle, der eine große Karriere beim amerikanischen Fernsehen gemacht hat und sich nicht den üblichen Beschränkungen und Benscheidungen, die das Medium mit sich bringt unterwerfen musste. Bei "Seinfeld" durfte er für Sitcom-Verhältnisse ziemlich düstere und subversive Episoden schreiben und bei "Curb your Enthusiasm" konnte er sich mit dem genialen Larry David austoben. Und nach seinem Freischuss "Masked and Anonymous" hat er mit Sacha Baron Cohen und "Borat" einen großartigen Coup gelandet. Das Prinzip von "Borat" und "Brüno" geht weit über das Genre Mockumentary hinaus. Diese Filme sind Satire, Komödie, Dokumentation, Performance Art und (so wollte es die Geschichte) Blockbuster in einem. Sie funktionieren auf so vielen Ebenen, dass man nur staunen kann. Errol Morris nannte "Brüno" übrigens den besten Film des Kinojahres 2009 und das sagt eine Menge aus. 

Ich möchte "Masked and Anonymous" all jenen ans Herz legen, die sich von einem Film herausfordern lassen wollen, die keine Angst haben zu sagen: "Das hab ich nicht verstanden!", die sich nicht davon betrogen fühlen, wenn ein Film sie ratlos und vielleicht ein wenig ausgenutzt zurücklässt. Für Leute, die sich mit Larry Charles auseinandersetzen wollen, der weit mehr ist als ein brillanter Satiriker, ist der Film ein Schlüsselerlebnis. Und die Bob Dylan-Fans da draußen wissen eh Bescheid.

Ein weiteres interessantes Interview zum Film gibt es übrigens hier.


Samstag, 8. November 2014

Maps to the Stars


Ich möchte folgende Begriffe im Zusammenhang mit diesem Film nicht mehr sehen oder hören: "bitterböse Satire", "Hollywoodsatire", "Abgründe der Traumfabrik", "Kulissen der Glitzerwelt", "der Traumfabrik den Spiegel vorhalten", "Abrechnung mit der Unterhaltungsindustrie", "falsche Fassade", "schöner Schein", etc. 

Das hat man in Kritiken viel zu oft gelesen. Welche Begriffe man dagegen nicht so oft gelesen hat: "Bruce Wagner", "Douglas Sirk", "Melodram", "F. Scott Fitzgerald". 

Bruce Wagner, der Autor von "Maps to the Stars" ist in Deutschland eher ein Unbekannter. Nur sein Roman "The Chrysanthemum Palace" wurde ins Deutsche übersetzt. Doch Deutsch ist ohnehin nicht die Sprache, in der man Wagner lesen sollte. Seine romantisch melancholische Prosa orientiert sich stark an Fitzgerald, dessen legitimer Nachfolger er wahrscheinlich ist. 

Klar ist Wagner manchmal unfassbar böse, watet in den Niederungen des Menschseins und hat auch noch Spaß dabei. Doch er ist kein Zyniker. Er tut nur so, als wäre er einer. Das merkt man auch einem Film wie "Maps to the Stars" an. Der Zynismus ist die hübsche Verpackung, die dem abgeklärten Publikum zum Fraß vorgeworfen wird. Dahinter jedoch steckt eine tragikomische Schwere. 

David Cronenberg weiß das. Er und der ehemalige Chauffeur kennen sich schon länger, hat er doch Wagners ersten Film "I'm losing you" produziert, ein wunderbares Melodram, das es leider nie nach Deutschland geschafft hat (kleiner Tipp: die amerikanische DVD ist codefree). 

Auch der ehemalige Roger Corman-Kollaborateur Paul Bartel hat vor über 20 Jahren ein Skript von Wagner verfilmt: "Scenes from the Class Struggle in Beverly Hills" ist ein vergnüglicher, aber unter der Oberfläche gefährlich flackender Liebesreigen, der sich übrigens gut für ein Double Feature mit "Maps to the Stars" eignet. 

Und auch wenn ich "Maps to the Stars" seine satirischen Eigenschaften nicht absprechen will, Wagner tut es:

"Contrary to critics’ easy characterisation, it doesn’t have a satirical bone in its elegiac, messy, hysterical body. I’ve given you the lay of the land as I see it, saw it, and lived it. Maps is the saga of a doomed actress, haunted by the spectre of her legendary mother; of a child star ruined by early celebrity, fallen prey to addiction and the hallucination of phantoms; of the mutilation, both real and metaphorical, sometimes caused by fame and its attendants – riches, shame and nightmare. I see our movie as a ghost play, not a satire." (Wagner im Guardian)

Bruce Wagner ist in Los Angeles aufgewachsen, inmitten dem ganzen Irrsinn von Glamour, Hustling und Verzweiflung. Er war dabei. Robert Pattinsons Figur Jerome ist sein Alter Ego. Aber die unverhohlenste Abrechnung mit sich selbst liefert Wagner in seinem Debütroman "Force Majeure": purer Nihilismus, kein Buch um sich danach besser zu fühlen. Aber echter Ausdruck, echte Verzweiflung, mit klebriger Selbstironie überzogen: "To stay sane, I began writing fiction, creating the alter ego of a failed chauffeur-screenwriter, Bud Wiggins." (ebenda

Ich kann euch diesen Autor nur ans Herz legen. Gerade eben weil er nicht nur Hollywood-Gossip verzapft, sondern Geschichten, die berühren. Auf brutalste Art und Weise. 

Samstag, 18. Oktober 2014

Nur Arbeiten und nicht Spielen - Teil 2


Mein erster Einsatzort wurde nicht, wie erwartet, Eschborn, sondern Hattersheim. Ich sollte bei der Firma Mant-a-vision eingearbeitet werden. Die Firma befand sich etwas außerhalb des Ortes, in der Nähe der Autobahnausfahrt. Es war allem Anschein nach ein großes Unternehmen, auf dem Gelände fanden viele furchteinflößend große Lagerhallen Platz. Und es gab mindestens so viele Parkplätze wie bei einer Ikea-Filiale. Seltsamerweise hatte ich Schwierigkeiten den Eingang zu finden. Dieser erschien gar nicht so prunk- und eindrucksvoll wie erwartet. Eine etwas unscheinbare Glastür führte zu einem Empfang, der sehr spartanisch ausgestattet war. 80 einsame Quadratmeter mit einem Schreibtisch auf der einen und einem Weihnachtsbaum auf der gegenüberliegenden Seite. War es dafür nicht außerdem viel zu früh?
Am Schreibtisch saß ein älterer Wachmann, der mich anstrahlte.
Bin ich hier richtig bei Mant-a-vision? Ich soll hier anfangen. Beim Empfang.“
Alles richtig, mein Lieber.“
Er stand auf und schüttelte meine Hand: „Ich bin Vassilis. Und du bist meine Ablösung.“
Ich verstehe. Ich heiße Erik.“
Vassilis zeigte mir seine Notizen. Frau Dobrindt sollte endlich Herrn König zurückrufen. Ein Kunde aus Japan rief immer wieder an, aber die Leitung brach ständig zusammen. Ich sollte ihn direkt mit dem Auslandskundenservice verbinden, bevor das wieder passierte. Das war mit den Kollegen auch schon abgesprochen.
Kann ich dich alleine lassen? Verstärkung kommt bestimmt gleich. Es ist gleich halb acht.“
Okay.“
Er schnappte sich seine Thermoskanne, seine Tupperdose und seinen John Grisham, verabschiedete sich und ging. Er sah glücklich aus. Aber mein Tag fing erst an.
Das Telefon klingelte. Wenn ich sage, das Telefon klingelte, dann meine ich den Computer, mit dem kompliziert aussehenden Display, den hundert Knöpfen und dem Hörer, der das einzige war, dass an ein Telefon erinnerte. Ich habe so ein Ding bestimmt mal in einem Film gesehen.
Ich tat das offensichtlichste, ich nahm den Hörer ab.
Hallo?“, fragte ich ängstlich. „Mant-a-vision. Wasilewski am Apparat.“
Klang fast professionell. Ich fühlte mich sofort wie ein Hochstapler.
König“, sagte Herr König, sichtlich angenervt. „Ist sie jetzt da?“
Wen möchten sie sprechen?“
Ich hatte den Zettel eben noch vor mir liegen.
Frau Dobrindt! Genau wie vor einer Stunde! Und die Stunde davor!“
Einen Augenblick.“
Ich fand eine Telefonliste, wo sich anscheinend die wichtigsten Namen samt ihrer Kurzwahl befanden. D wie Dobrindt. Da war sie. 4367. Jetzt musste der Zauberkasten den Anruf irgendwie weiterleiten.
Sie haben mich noch nicht verbunden“, sagte König, der wahrscheinlich vor Wut schäumte. Ich fragte mich, was eigentlich sein Problem war. Es war kaum acht Uhr in der Frühe, und angeblich versuchte er schon seit Stunden, jemanden zu erreichen. Aus welcher Zeitzone rief er an?
Ich drückte den Knopf, den ich für richtig hielt, und wählte die Nummer. Dann legte ich auf. Entweder hatte alles geklappt. Oder ich hatte den emsigen Frühaufsteher aus der Leitung gekickt.
Was war das eigentlich für ein Unternehmen, bei dem ich als Springer engagiert wurde? Was bedeutete Mant-a-vision? Stellten die irgendwas her? Ließen die herstellen? War das eigentlich koscher? Ich sollte bei Gelegenheit mal nachfragen.
Ein wichtig aussehender Mann im Anzug klopfte an die Tür. Er sah genauso genervt aus, wie Herr König klang. Ich bemerkte den Türöffner neben dem Star Trek-Telefon, und betätigte diesen. Es folgte ein Surren, der Mann rüttelte an der Tür, nichts schien sich zu tun. Ich drückte noch einmal den magischen Knopf, doch er konnte auch diesmal nicht herein. Da sah ich neben dem Türöffner einen kleinen Zettel, auf dem geschrieben stand: „Ziehen“. Ich drückte noch einmal auf den Knopf und demonstrierte dem Mann die Geste des Ziehens. Ich musste wie ein betrunkener Bogenschütze ausgesehen haben, aber er hatte es endlich begriffen und zog an der Tür.
Wohl kaputt, was?“, begrüßte er mich, auf die Tür verweisend.
Ich glaube nicht“, sagte ich.
Ohne ein weiteres Wort verschwand er.
Minuten vergingen, ohne dass was passierte. Meine Kollegin war noch nicht da. Ich machte mir langsam Sorgen. Wenn das Telefon erst nicht mehr aufhörte zu klingeln, und keiner durch die Tür kam, ging es erst richtig los. Ich konnte es mir bereits ausmalen.
Ein Mann betätigte die Klingel. Ich drückte den magischen Knopf, und er kam herein. Er sah wichtig aus. Aber auch etwas klein. Was ihm eine zusätzliche Beharrlichkeit verlieh.
Ja, haben sie das nicht gesehen?“, fragte er, und sah mich an, als wäre ich seiner nicht würdig. Vielleicht ahnte er auch bloß, dass ich größer war als er.
Was denn?“
Diese Parkplätze“, er verwies mit seiner Hand etwas beliebig in eine vage Richtung, „sind für die Firmenleitung reserviert, und zwar ausschließlich für die.“
Sind die denn nicht markiert?“, fragte ich.
Nein“, sagte er, als hätte er mir das schon tausendmal gesagt. „Dazu kamen die Leute noch nicht. Wir sind ja auch erst hierher umgezogen. Die Handwerker sind noch nicht fertig hier.“
Tut mir leid, ich bin neu hier, ich wusste nicht…“
Hören sie zu: wenn sie ein Auto sehen, das nicht hierhergehört, dann gehen sie raus und erklären den Leuten, dass sie hier nicht parken können.“
Dann ging der kleine Mann von dannen.
Daraufhin sah ich eine Frau vor der Tür, die mir zuwinkte. Ich betätigte den Türöffner.
Smalltalk mit dem Chef, und das schon am ersten Tag“, sagte sie und lachte.
Das war der Chef?“
Ich bin die Regina“, sagte sie, und schüttelte mir energisch die Hand. Sie war stämmig, blond, und gutgelaunt.
Erik.“
Was hat er denn gesagt?“
Dass hier Leute falsch parken. Aber es nicht wissen. Und deshalb soll ich sie von den Parkplätzen verjagen.“
Ach, die Geschichte schon wieder.“
Das passiert hier öfters?“
Wir haben den Standort gewechselt, und es läuft noch nicht alles, wie es soll.“
Eine Frage: woher weiß ich, wer hier parken darf und wer nicht?“
Ich zeig’s dir. Ich kenn die Geschäftsleitung vom Sehen. Die haben auch die dicksten Karren.“

Nach einigen Tagen bei Mant-a-vision (Regina wusste übrigens auch nicht, was hier hergestellt wurde, wenn überhaupt), wurde alles noch verrückter. Die Leute hatten ohnehin schon Probleme mit dem Türöffner. Aber es wurde noch komplizierter: bevor ich oder Regina den Türöffner überhaupt betätigen konnten, mussten die Leute draußen eine extra angefertigte Klingel betätigen. Doch niemand schien davon erfahren zu haben. So standen die verwirrten Angestellten vor der Glastür und warfen uns hasserfüllte Blicke zu. Wir gestikulierten, manchmal schrien wir auch. Die Angestellten schrien auch. Leute parkten auch weiterhin auf den heiligen Parkplätzen der Geschäftsleitung, weil diese sich eben nah am Eingang befanden (die Parkplätze hatten Walmart-Ausmaße), und noch immer nicht markiert waren.
Außerdem arbeitete ich mit verschiedenen Kolleginnen, die sich alle nicht ausstehen konnten. Ich als einziger Kerl wurde in Ruhe gelassen, fungierte manchmal auch als Puffer. Aber die Mädels konnten nicht miteinander. Die Eine war zu entspannt, die Andere zu gestresst. Die Eine hatte einen eher rustikalen Humor, die Andere war sehr sensibel. Die Eine war pflichtbewusst und penibel, und die Andere etwas schludrig. Kurz: die Eine konnte die Andere nicht leiden. Und ich saß daneben oder hab Briefe frankiert. Das tat ich am liebsten. Weg von dem großen Missverständnis, das den enigmatischen Namen Mant-a-vision trug, versteckt in einem einsamen Kellerraum, wo die Frankiermaschine stand. Mein Refugium.
Ein Job wie dieser ließ einen zum Kulturpessimisten werden. Keiner kam mit dem Anderen aus. Und niemand wusste irgendwas. Jeder wusste nur so viel, wie er wissen musste, um den Laden mehr schlecht als recht am Laufen zu halten. Niemand war hilfsbereit. Und keiner der Angestellten war jemals telefonisch erreichbar – zumindest sollte man das stets ausrichten. Nur Vassilis, dem Nachtwächter, dem ging es gut. Er saß nachts in diesem großen, groben Koloss von Gebäude, und keiner belästigte ihn. Keiner rief an. Keiner beschwerte sich. Er saß da mit seiner Thermosflasche und seinem Buch. Vielleicht hatte er auch ein kleines Radio dabei. Ganz bestimmt, denn die Computer durfte er nicht benutzen. Seine Arbeit und sein Leben hatten gänzlich analogen Charakter. Wenn sich morgens um 8 Uhr die ersten vom Leben Zerknirschten hierhin quälten, hatte er schon seine Sachen gepackt, und machte sich auf den Weg nachhause. Der glückliche Hund.

Freitag, 10. Oktober 2014

Nur Arbeiten und nicht Spielen - Teil 1


Eine Erik Wasilewski-Geschichte

Geld wächst nicht auf Bäumen. Also geht man hinaus, und verdient es. Als Student macht das besonderen Spaß. Man studiert vor sich hin, oft auch viel Blödsinn, und kriegt dafür nichts, bezahlt sogar dafür (in vielerlei Hinsicht). Nebenbei auch noch malochen zu gehen, ist nicht immer einfach. Man muss quasi zwei Leben leben, das eine ist das simple, werktätige, und das andere hat mit abstrakten Problemstellungen zu tun, die außerhalb der Uni nicht existieren. Studentenjobs gibt’s wie Sand am Meer, wieso auch nicht, Studenten müssen von irgendwas leben. Bücher essen kann man nicht. Man muss sie ja fristgerecht zurückbringen. 
Die Leute, die Studenten Jobs anbieten sind meist glückliche Leute, da sie Studenten mit Kleingeld abspeisen können mit dem Wissen, dass sie nicht aufmucken, da sie das Geld dringend brauchen. Es gibt auch Jobs, die nur für Studenten funktionieren, da sie sich für die Anderen schlicht und ergreifend nicht rentieren würden. Über einen dieser Jobs möchte ich eine Geschichte erzählen. Mein BAföG lief aus, ich saß also auf dem Trockenen. Die Semesterferien standen vor der Tür. Der Herbst war nicht weit. Ich wusste, im Oktober, vielleicht schon im September würde ich die Miete nicht bezahlen können. Ich surfte durchs Netz, auf der Suche nach Nebenjobs. Ich schrieb ca. dreißig Bewerbungen, aus denen nichts wurde. Bis ich irgendwann einen mysteriösen Anruf bekam. Die Frau am anderen Ende der Leitung klang ein wenig abgehetzt.
„Herr Wasilewski? Anita Jürgens hier, von P-Direkt Plus.“
„Wie bitte?“
„Oh, Entschuldigung. Als sie sich bei uns beworben haben, da hießen wir noch Service Plus Direkt.“
„Ach, ja. Natürlich.“
„Sind sie noch interessiert an dem Job?“
„Na klar.“
Ich hatte mich als Studentische Aushilfe bei irgendeiner Firma beworben. Hörte sich nach einer entspannten Angelegenheit an.
„Der Posten, auf den sie sich beworben haben, den gibt es nicht mehr. Aber wir suchen noch Springer.“
„Springer?“
„Ich erklär’s ihnen. Sind sie gerade in Mainz?“
„Ja.“
„Dann treffen sie mich doch heute Nachmittag, wenn es ihnen recht ist, beim RettungsRing in Mainz.“
Der RettungsRing war eine Organisation, die von einem heute pensionierten oder toten SWR-Moderator gegründet wurde. Menschen, die Opfer von sexuell motivierten Straftaten werden, können sich an den Ring wenden, um Unterstützung zu beantragen, seelische oder monetäre. Er erinnert vom Ansatz her an den Weißen Ring, und wurde in den Medien oft als der inkompetente Bruder des Weißen Rings bezeichnet. Angeblich läuft bereits seit Jahren ein Rechtsstreit um den Namen.
Viele wissen das nicht, aber die Zentrale des RettungsRings befand sich in Mainz, genauer, in Mainz Marienborn. Für mich hieß das zum anderen Ende der Stadt zu fahren. Was ich auch prompt tat. Ich war heiß auf das Geld. Und wenn ich dafür arbeiten musste, so würde ich es tun. So verzweifelt war ich.
Der Rettungs-Ring befand sich in einem eher kleinen dreistöckigen Gebäude, schlicht und grau von außen, und von innen eigentlich auch. Frau Jürgens erwartete mich am Empfang.
„Herr Wasilewski!“
Sie begrüßte mich und geleitete mich in einen freien Büroraum. Es war dunkel, doch sie dachte gar nicht daran, den Lichtschalter zu betätigen.
„Ich war ja etwas erstaunt, dass sie sich auf diesen Posten beworben haben.“
„Wieso?“
„Nun, weil er bereits seit ca. einem Monat besetzt ist.“
„Ich habe einfach auf ihre Anzeige im Internet reagiert.“
„Aha. Und auf welcher Seite waren sie da genau?“
„Das weiß ich leider nicht mehr. Wenn sie wollen, kann ich das für sie rausfinden…“
„Ja. Bitte. Würde mich sehr interessieren, auf welcher Seite sie waren.“
„Ja.“
„Gut.“ Sie schien sich langsam zu entspannen. „Der RettungsRing sagt ihnen was, Herr Wasilewski?“
„Ja.“
„Das ist gut. Denn manche sind ein bisschen geschockt, wenn sie hier anfangen. Ich könnte ihnen einen Springer-Job anbieten, wenn sie wollen. Das heißt, wir setzen sie da ein, wo sie gebraucht werden. Unser Unternehmen hat Kunden in ganz Deutschland. Wir würden sie natürlich nur im Rhein-Main-Gebiet einsetzen. Sie sind Student, sagten sie?“
„Ja.“
„Dann können sie ja auch öffentliche Verkehrsmittel kostenfrei in Anspruch nehmen.“
„Ja.“
„Sehr gut. Das werden sie müssen. Also, sie werden viel Bahn fahren.“
„Okay.“
„Wir werden sie in Eschborn einarbeiten. Und dann sehen wir, was passiert. Wie klingt das?“
„Was soll ich denn eigentlich machen?“

P-Direkt Plus (wofür das P steht, weiß ich bis heute nicht) hatte seinen Hauptsitz in Frankfurt. Dort unterschrieb ich meinen Arbeitsvertrag. Es war Donnerstag. Ab nächster Woche sollte es losgehen. Ich war ein wenig aufgeregt. Es war nur ein Nebenjob, aber es war ein Vorgeschmack auf das sogenannte richtige Leben. Viele meiner Freunde hatten Nebenjobs. Und sie redeten oft und gern über ihre Erlebnisse bei der Arbeit. Nicht, weil die Arbeit so interessant war, sondern weil sie so frustrierend sein konnte. Anna arbeitete beim Cinestar und wurde, nach eigenen Aussagen, ausgebeutet. Vor kurzer Zeit ist sie samt ihren Kollegen in den Streik getreten. Harri Schuster war gelegentlicher Lagerarbeiter, beschwerte sich aber nicht. Das tat er nie. Dennis war Amphetamindealer und Feingeist, deshalb ärgerte er sich über seine Kundschaft, die ihm meist zu hirnlos war. Sebastian arbeitete beim ZDF, wofür ihn alle beneideten, doch er war bloß Kabelträger. Außerdem beschwerte er sich stets darüber, dass die Moderatorin der Sendung „TV-Garten“ ihn sexuell belästigte. „Schlucks runter“, riet ihm ein Kollege. „Die Alte kann dich fertigmachen, wenn sie will“.
Mark hingegen war ganz zufrieden bei „Musik Alexander“. Immerhin war er umgeben von Pianos, was ihn bis zu einem gewissen Grad beruhigte. Wenn ihn der Blues überkam, konnte er ihm Gestalt verleihen, und so tun, als wolle der potentielle Kunde eine Klangdemonstration.
Vor meinem geistigen Auge erschienen Auszüge meines zweiten Gesprächs mit Frau Jürgens von P-Direkt Plus, einer Firma, die Leute für Rezeptions- und Poststellenjobs anwarb. Was sie sagte klang abenteuerlich, ich wusste dennoch nicht genau, was ich so alles tun sollte.
„Sie haben uns ihre Tage durchgegeben, an denen sie arbeiten können“, sagte sie, „das heißt, es kann passieren, dass wir sie an einem dieser Tage um sechs Uhr morgens anrufen, weil jemand ausgefallen ist. Sie dürfen ihr Handy nicht ausschalten.“
„Es kann auch passieren, dass wir sie an ihrem Einsatzort anrufen. Vielleicht brauchen wir sie für den Nachmittag anderswo.“
„Wir werden sie natürlich nichts nachts anrufen oder so was. Aber schalten sie ihr Handy ja nicht aus!“
„Sie verdienen ganz gut bei uns!“
„Beim RettungsRing sollten sie, sagen wir mal, etwas robuster sein. Aber das sind sie ja, das sehe ich ihnen an.“
„Wir haben so viele Probleme mit Leuten, die einfach ihr Handy ausschalten. Also ich bitte sie inständigst, ihr Handy nicht auszuschalten.“
„Niemand wird ihnen ein Bein ausreißen, wenn’s mal nicht so läuft. Sie sind Springer, die Leute wissen das.“
„Und was studieren sie? Ach ja, interessant! Und was macht man dann damit?“
„Bitte schalten sie ihr Handy bloß nicht aus!“
Ich befand mich in der Nähe der Hauptwache. Ich kannte die Straße. Ein Comicladen befand sich irgendwo in der Nähe, den ich früher öfter aufsuchte. Ich hatte das verrückte Bedürfnis, wieder hineinzugehen. Er erinnerte mich an eine einfachere Zeit. Ich lebte noch zuhause, ich hatte gerade angefangen in Frankfurt zu studieren. Ich musste auch nicht arbeiten. Meine Wochenenden waren frei. Freitags nach der letzten Veranstaltung machte ich mich auf den Weg in den Comicladen. Ich sah den langhaarigen Verkäufer mit dem Batman-T-Shirt, der in irgendeinen hippen Garth Ennis-Comic vertieft war. Er grummelte ein Hallo, und las weiter. Es war sonst niemand da. Der Laden war von einer angenehmen Stille erfüllt. Der Lärm von draußen schien jene heiligen Hallen nicht zu erreichen. Es lief nicht mal Musik. Ab und zu warf ich einen Blick auf den Verkäufer. Ich hatte ihn nie nach seinem Namen gefragt. Ob der Laden genug Geld abwarf? Er schien sich keine Sorgen zu machen. Sein Gesicht war speckig, aber faltenfrei. Er rasierte sich sicher nur einmal die Woche. Er musste nicht erwachsen werden. Hier nicht. Er hatte die Welt ausgetrickst. Aber auch ich hatte keine Sorgen, wenn ich freitags hier reinspazierte. Ich war zuhause.
Ich kaufte nicht immer was, manchmal war ich nur am Stöbern. Ich flanierte durch den Comicladen. Blieb mal vor einer Neuausgabe stehen, dann wieder vor einem Heft, das niemand je zu kaufen schien. Ich blätterte darin herum, und dachte, vielleicht kaufe ich es nächste Woche.
Irgendwann musste ich die Uni wechseln, und landete in Mainz. Ich mietete ein Apartment, begann zu arbeiten. Mein Abschluss verzögerte sich immer weiter. Ich lernte viel über das Leben. Ich hörte auf, Comics zu lesen.
Ich lief durch die Straße, aber ich fand den Laden nicht wieder. 

Fortsetzung folgt
 

Dienstag, 30. September 2014

Quando Alice ruppe lo specchio

Schulden bei Al Cliver sind Ehrenschulden!

Mein neuer Text für Eskalierende Träume beschäftigt sich mit Lucio Fulcis "Quando Alice ruppe lo specchio", in Deutschland bekannt unter dem Titel "When Alice broke the Mirror". Für mich der Film, der das Spätwerk des großen italienischen Regisseurs einleitet, und für viele auch seinen Niedergang. Die italienischen Genrefilme der 80er, vor allem die Horrorfilme, litten u.a. unter ihrem Kleinstbudget und ihrer miesen Synchronisation. Man hielt sie für Trash. Auch ich bin als Jugendlicher auf die sogenannten Trashfilme von Fulci und anderen gestoßen. Ich wollte wissen, was an dem Vorwurf dran war, und wie schlecht diese Filme nun wirklich waren. Die ersten Sichtungen stellten auch einen echten Kulturschock dar, was normal ist, wenn man bis dato nur Hollywoodfilme gewöhnt war und den verbreiteten Denkfehler machte, die Hollywood-Art des Filmemachens für den Standard zu halten. Doch irgendwann sieht man den Film hinter der konstruierten Erwartungshaltung. Auch der Begriff des Trash löst sich irgendwann auf. Einen Film als Trash zu bezeichnen bedeutet oft nur, nicht anzuerkennen, wie unterschiedlich Filme wirklich sind. 
Was nicht bedeutet, dass das Spätwerk von Lucio Fulci keine Herausforderung ist. Trotzdem befinden sich einige Schätze darunter.
Interessierte Einsteiger sollten jedoch definitiv mit Filmen wie "Non si sevizia un paperino", "Una lucertola con la pelle di donna", "Sette note in nero" oder "I quattro dell'apocalisse" anfangen.



Mittwoch, 24. September 2014

The Strange Case of the End of Civilization as We Know It (1977)


Ich war stets ein Fan von Sherlock Holmes-Verfilmungen, vor allem von den alten. Gerade die Filme mit Basil Rathbone gehören für mich zu den schönsten Conan Doyle-Verfilmungen. Interessant finde ich vor allem, wie die Filmemacher mit der Figur des Dr. Watson umgehen. Oft wird der arme Doktor in eine Witzfigur verwandelt, in einen ungeschickten, leicht dümmlichen Sidekick, was er im Grunde nicht verdient hat. Denn ohne ihn gäbe es keine Geschichten um Sherlock Holmes, ist er doch der treue Chronist des größten Detektivs aller Zeiten.

Diese Verfilmung mit John Cleese wartet, für mich jedenfalls, mit der absurdesten, durchgeknalltesten Watson-Figur auf, die die Welt je gesehen hat. Was der unglaubliche Arthur Lowe hier abliefert, ist mit Worten kaum zu beschreiben. 
Lowe ist in Großbritannien vor allem durch seine Darstellung von Kleinbürgern und Spießern bekannt. Doch ab und zu ist er aus diesem engen Rollenkorsett ausgebrochen und hat verrückt gespielt, wie man hier sehr gut sehen kann. Sein Watson ist respektlos, genial, und absolut daneben. Mir bleibt nur zu sagen: "Good Lord!"

Wer nach diesem Film ein Arthur Lowe-Anhänger geworden ist, muss sich übrigens auch "The Rise and Rise of Michael Rimmer" anschauen, eine brillante Satire mit Peter Cook und Denholm Elliott.


Montag, 15. September 2014

Wachtmeister Rahn

Backcover der VHS von "Wachtmeister Rahn"

Für Eskalierende Träume habe ich einen Text für die Reihe "100 Deutsche Lieblingsfilme" beigesteuert. Mein "Lieblingsfilm" ist Ulli Lommels unfassbarer "Wachtmeister Rahn". Ulli Lommel hat ja, vor allem im Internet, keinen guten Ruf, obwohl er einer der interessantesten deutschen Filmemacher ist, die auch im Ausland tätig sind. Leider sind seine guten Filme nicht einfach zu bekommen. Was die digital produzierten Horrorfilme angeht, die er in den letzten 10 Jahren rausgehauen hat: die kriegt man nachgeschmissen. Aber nach interessanten amerikanischen Filmen wie "Brainwaves" (auf den ersten Blick ein Ripoff von "Eyes of Laura Mars", eigentlich aber eine Hitchcock-Hommage) oder seinen deutschen Werken muss man suchen. Nicht einmal von seinem Klassiker "Die Zärtlichkeit der Wölfe" gibt es eine deutsche DVD. Auch "Der zweite Frühling" und "Wachtmeister Rahn" hätten es verdient, wiederentdeckt zu werden. Diese Filme sprechen eine eigene Sprache. Sie erzählen von einem deutschen Kino, das heute weitgehend vergessen ist. Zu Unrecht.