Willkommen daheim!

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Montag, 25. August 2014

Reingerutscht - Teil 2



Eine Erik Wasilewski-Geschichte 

Ich begab mich in die Stadt, um meinen Freund Mark zu treffen. Ich traf ihn in einer portugiesischen Kneipe, wo es billige portugiesische Soaps im Fernsehen und süffigen Portwein gab. Ich erzählte ihm, dass ich mit meinen Eltern in den Urlaub gefahren bin, und mein Handy nicht mithatte. Die Wahrheit schien mir irgendwie unangemessen.
Beim dritten Portwein waren wir bereits albern, und begannen unangenehm aufzufallen, so verzogen wir uns in den stilleren Raucherraum, damit die anständigen Portugiesen ihren Sport gucken konnten. Mark steckte sich eine Zigarette an, und ich, als Nichtraucher, rauchte auch eine mit. Wir erzählten uns Blödsinn und sprachen über die Frauen, mit denen wir schon immer mal schlafen wollten, prominent oder nicht. Mir war, als hätte ich nie ein Problem gehabt. 
„Heut bei der Arbeit“, begann Mark, „Ein Kunde wollte ein Piano kaufen. So weit so gut.“
Mark studierte auch, und arbeitete nebenbei im „Musik Alexander“. Er war außerdem ein guter Pianist, der meist mit Blues- und Jazzbands spielte.
„Ich hab ihm das teuerste verkauft“, fuhr er fort. Seine Augen wurden zu kleinen Schlitzen. Ich wusste nicht, ob er stolz war oder genau das Gegenteil.
„Er wollte sich eigentlich nur beraten lassen. Er wollte sich umhören, schauen, was es so gibt. Und ich hab ihn um 5000 Euro erleichtert.“
„Klingt nach einem Talent.“
„Wenn du weißt, wie es geht, kannst du den Leuten alles verkaufen. Sie wissen nämlich nicht, was sie wollen, bis du’s ihnen sagst. Im Grunde genommen ist es Manipulation. Gleichzeitig ist es mein Job.“
„Aber er hat sich nicht beschwert?“, fragte ich.
„O nein“, sagte er, „Er war überglücklich. Aber es war schon seltsam.“
„Mach dir keinen Kopf. Auch ich wünschte, es gäbe einen Weg, wie ich dich um 5000 Euro erleichtern könnte, und du mir dankbar dafür wärest.“
„Wenn ich dankbar dafür wäre, hättest du also keine Skrupel?“
„Natürlich nicht, wir sind Freunde. Wenn du glücklich bist, bin ich auch glücklich.“
Irgendwann rauchte ich meine dritte Zigarette hintereinander. Ich war neugierig, ob ich spüren würde, wie mich die Sucht übermannte. Aber die würde sich wahrscheinlich genauso behutsam heranpirschen wie das Tief, das ich momentan unter Kontrolle zu haben glaubte.
„Was ist eigentlich aus deiner neuen Bluesband geworden?“, fragte ich.
„Ach, das hat sich längst erledigt.“
„Wieso das?“
„Unser Drummer ist verschwunden.“
„Was heißt verschwunden?“
„Keiner kann ihn erreichen. Paul, der Gitarrist, war auch bereits ein paar Mal bei ihm zuhause. Aber er schien nicht da zu sein.“
„Wie lange ist er schon fort?“
„Zwei Wochen. Ich weiß aber nicht, ob ich beunruhigt sein soll oder nicht. Außerdem kenne ich den Kerl kaum. Paul muss entscheiden, ob er seine Verwandten befragt oder gleich die Polizei einschaltet.“
„Hat der Kerl das schon mal gemacht?“
„Das schon, aber er war nie länger als eine Woche weg. Mac, so heißt er, ist berüchtigt für seine Sauftouren. Ich war mir auch nicht sicher, ob ich mit ihm arbeiten sollte, wenn er als dermaßen unzuverlässig gilt. Aber da hab ich einfach den Anderen vertraut. Für die war er so ‘ne Art Maskottchen. ‚Ja, ja, der Mac, der is‘ noch unterwegs, ha, ha‘.“
„Ich glaube, John Wayne hat auch mal eine wochenlange Sauftour durch Mexiko gemacht“, warf ich ein. „Ich muss zugeben, dass mir das irgendwie imponiert.“
„Ja, mir auch“, gab Mark unumwunden zu. „Wie macht man das? Da muss man einige Kater überstehen, bis man diesen Grad der Alko-Normalität erreicht. Das ist nichts für Pussys. Die Russen sind ja auch Meister darin, Limonow zum Beispiel.“
Mark, trotz seiner feinen Gesichtszüge, war im Herzen ein richtiger Macho, dessen Helden Henry Miller, Charles Bukowski, und James M. Cain waren. „Was ist mit Hemingway?“, fragte ich ihn einmal, woraufhin er mit Verachtung die Worte ausspie: „Hemingway ist eine Pussy“. Dann würde er mir ein Buch von John Fante in die Hand drücken und sagen, der Typ hätte Hemingway fertiggemacht.
Nachdem wir eine Weile schweigend geraucht hatten, sagte er: „Ich sehe dich so selten in letzter Zeit. Als hättest du dich ein wenig zurückgezogen.“
„Na ja“, sagte ich und machte ein übertrieben skeptisches Gesicht. „Zurückgezogen hab ich mich ja nicht. Ich bin doch hier.“
„Du weißt doch, was ich meine.“
„Ja.“
„Und?“
„Ich weiß nicht“, sagte ich. Ich musste wieder an den Pfandsammler denken.
„Lass es mich so ausdrücken“, begann Mark. „Das Leben ist ein Film. Jeder Film hat einen Helden. Der Held will immer irgendwas. Was willst du?“
„Motivation.“
„Um was zu tun?“
„Irgendwas.“
„Du hast also zum Beispiel keine Motivation mehr, morgens aufzustehen?“
„Wenig.“
„Das ist nicht gut.“
„Nein.“
„Seit wann geht das so?“
„Weiß nicht. Kam schleichend. Wie ein Autounfall in Zeitlupe.“
„Was ist mit der Schreiberei?“
„Was soll mit ihr sein?“
„Das einzige, was Schreibern hilft, ist Schreiben. Meine Erfahrung.“
Wenn Mark etwas sagte, war es stets so wunderbar klar und einfach. Er sagte etwas, und ich verstand es nicht nur unmittelbar, ich begriff es. Aber ich fühlte es nicht.

Zuhause fand ich meine bescheidene Zimmerpflanze, meinen Dostojewski, an den ich mich nicht herantraue, und mein stotterndes Internet. Keine Motivation. Aber vielleicht brauchte man auch keine konkreten Begriffe wie Motivation, Glück, und dergleichen, die dich mit ihrer Direktheit erschlugen, sondern musste sich einfach zusammenreißen. In manchem Kopf ging zu wenig vor. Und in manchem viel zu viel. Reiß dich zusammen. Der Satz hatte einen guten Klang. Und er hörte sich vernünftig an. Ich sehnte mich nach Vernunft. Vernunft gebiert Klarheit. Klarheit macht den Himmel blau. Ich selbst war es schon. Trotzdem war ich noch immer beeindruckt von Marks glasklaren Einsichten. Wenn er aus dem Bett stieg, wusste er genau, was er wollte. Was vielleicht auch daran lag, dass sich in seinem Bett genau das befand, was er wollte, meistens blond und gut budgetiert. Und in meinem Bett lag immer nur ich. Das war nichts Neues.
War das die fehlende Motivation? Reiß dich zusammen, besorg dir ‘ne Frau? So einfach? Wie es wohl wäre, eine Frau in meinem Zustand anzusprechen: Hallo, ich bin Erik. Momentan mach ich grad nichts. Mir ist in letzter Zeit einfach nach gar nichts zumute. Meine Pläne? Ich würd‘ gern meinen Zustand weiter ausbauen, und noch weniger tun. Und was machst du so?
Vielleicht brauchte ich Hilfe. Das Einzige, was Schreibern hilft, ist das Schreiben, sagte Mark. Aber vielleicht war ich kein Schreiber mehr, sondern nur ein Penner.

Ich ging zur psychotherapeutischen Beratungsstelle der Universität. Es waren Semesterferien, und nicht viel los. Jedenfalls war ich der Einzige in dem kleinen Wartezimmer. Auf einem kleinen Tischchen lagen Zeitschriften aus, darunter einige namhafte Modemagazine. Was, wenn auch übergewichtige Studentinnen hierherkamen, um von ihren Minderwertigkeitskomplexen zu erzählen? In der Hinsicht waren solche Magazine nicht gerade hilfreich.
Emsige Mitarbeiter liefen von Büro zu Büro, und grüßten mich im Vorbeigehen immer freundlich.
Dann wurde mein Name aufgerufen.
Eine Frau empfing mich. Sie hatte einen festen Händedruck, und trug einen Hosenanzug, und auch sonst strahlte sie eine glasklare Professionalität aus. Sie war vielleicht Mitte vierzig, war aber noch sehr attraktiv. Hätten wir uns unter anderen Umständen kennengelernt…
„Ich bin die Katharina. Wo drückt der Schuh?“, fragte sie, was den Anschein der Professionalität ein wenig untergrub.
„Nun, ich bin mir nicht sicher. Also, ich habe lange mit mir gehadert, ob ich tatsächlich kommen sollte oder nicht. Ich vermute, ich bin mir nicht sicher, aber ich habe den Verdacht, vielleicht in so eine Art Depression reingerutscht zu sein.“
„Eine Depression?“
„Ich denke. Ich weiß nicht.“
„Wie äußert sich das?“
„Nun…“
„Wie kommen sie morgens aus dem Bett?“
„Eher schwer.“
„Haben sie das Gefühl, sich von der Außenwelt zurückzuziehen?“
„Manchmal.“
„Was heißt manchmal?“
„Ich hab einige harte Tage hinter mir, die ich fast nur im Bett verbracht hab. Doch jetzt gehe ich wieder langsam unter die Leute…“
„Haben sie suizidale Gedanken?“
„Nein. Das halte ich doch für ein wenig übertrieben.“
„Sie kommen also eher schwer aus dem Bett, wie jeder Student. Sie ziehen sich manchmal zurück, wie jeder Mensch es manchmal tut, vor allem Studenten, die irgendwann auch mal lernen müssen. Und sie denken auch nicht an Selbstmord.“
„Nein, aber ich habe keine Motivation. Verstehen sie? Ich weiß nicht, wozu das alles.“
Ich wurde ein wenig panisch. Sie war gerade dabei, mir ein Zertifikat auszustellen, auf dem es hieß, ich sei kerngesund.
„Viele Studenten hinterfragen ihr Studium oder besser gesagt, dessen Sinn und Zweck. Vor allem etwas höhere Semester. In welchem Semester studieren sie?“
„Im zwölften…“
„Na, sehen sie? Ich denke, sie müssen langsam mal fertig werden. Ein Studium ist lediglich eine Zwischenetappe im Leben. Wenn man sie künstlich verlängert, entstehen automatisch Probleme.“
Wie konnte sie es wagen, meine glorreichen Probleme zu trivialisieren? Aber es war ja meine Schuld, ich hätte weiter ausholen sollen, und ich hätte die Pfandsammlerstory bringen müssen. Aber es war noch nicht vorbei. Ich musste mehr Details liefern. Ausschmücken, weiter ausschmücken!
„Sie verstehen nicht. Ich hab auch diese massiven Probleme mit Frauen.“
„Oh, das hört niemals auf“, sagte sie und lachte. „Gewöhnen sie sich schon mal daran.“
„Sie wollen mir doch nicht erzählen, dass mir nichts fehlt.“
„Sicher fehlt ihnen was“, sagte sie. „Aber eigentlich es ist ja so: den Menschen in den westlichen Industrienationen fehlt es an rein gar nichts. So entsteht der Mangel im Kopf. Oder im Herzen, wenn sie so wollen.“
„Aber ich hab Angst, dass es schlimmer wird.“
„Hören sie, wenn ich sie jetzt offiziell für depressiv erkläre, dann kriegen sie Pillen verschrieben. Haben sie darauf wirklich Lust?“
„Na ja…“
„Sie kriegen Pillen und dürfen einmal die Woche mit jemandem über ihre Probleme reden.“
„Ich meine…“
„Haben sie Freunde?“
„Ja.“
„Na bitte.“ Katharina lächelte. „Erzählen sie doch lieber denen von ihren Problemen. Und vielleicht kommen die sogar an Pillen ran, die mehr Spaß machen.“
„Sind sie sicher, dass sie so mit mir reden dürfen?“
„Was wollen sie tun, aus dem Fenster springen? Sie haben mir bereits verraten, dass sie gar nicht erst dran denken.“
„Tja…“
„Mensch, freuen sie sich doch. Sie sind sich eines Problems bewusstgeworden, und sind willens, was dagegen zu unternehmen. Sie stehen nicht unter Medikation, das heißt, sie sind aus eigener Kraft gekommen. Und wo die herkommt, gibt‘s noch mehr.“
„Sie sagen, mir geht’s gut?“
„Gut genug.“
Ich war noch immer ein wenig eingeschnappt ob ihres Tons. Aber eigentlich war ich froh. Dann ging ich nachhause.

Montag, 18. August 2014

Reingerutscht - Teil 1


Eine Erik Wasilewski-Geschichte 

Ich hatte da so ein Tief. Ich bemerkte es erst, nachdem es sich schon eine Weile bei mir eingenistet hatte. Es gibt kein Gefühl, dass dir plötzlich sagt: „Es ist da! Bring dich in Sicherheit!“ sondern du realisierst irgendwann, dass du schon seit einigen Monaten ziemlich durchhängst in deinem Leben. Du hast nicht viel erreicht karrieretechnisch, du warst immer seltener unterwegs, du hast keine Frauen kennengelernt. Und du realisierst, dass du in deinen achtzehn Quadratmetern auf der Couch hockst, und deine Finger hastig über die Fernbedienung gleiten. Du kratzt deinen Dreitagebart, und das Fernsehen kotzt dich nur noch an. Du denkst, es erschlägt dich mit seiner organisierten Stumpfheit, aber du zappst dich weiter durch das trostlose Programm.
Dabei fing alles so vernünftig an. „Ich muss jetzt mal pausieren, und mir Gedanken darüber machen, in welche Richtung ich in Zukunft gehen will.“ Klingt wohlüberlegt, war aber nur das Präludium zur tristen Couchexistenz. Mein kleines Appartement wurde zu meinem Lebensmittelpunkt. Meine kleine Zimmerpflanze wurde zu meinem Kind, das ich hegte, pflegte, und liebevoll mit Leitungswasser ernährte. Meine kleine Kaffeemaschine war mein Animateur am Morgen. Meine kleinen Hanteln lagen in der Ecke, wo sie hingehörten. Meine kleine Küchenecke war mein Fünf-Sterne-Restaurant, das mich mit allerlei Köstlichkeiten aus der Fertigküche verwöhnte. Mein kleiner USB-Ventilator schenkte mir die sanfte Böe, die ich im Sommer so dringend brauchte.
Meine Couch war gleichzeitig mein Bett, was unheimlich praktisch war, so brauchte ich oftmals gar nicht aufzustehen. Denn wenn es hieß, raus aus dem Bett, konnte ich mir einreden, ich säße bereits auf der Couch. Die kleinen Schlupflöcher im Leben.
Manchmal stand ich vor meinem Fenster, sah in den Hinterhof, in die Wolken, in die Sonne, in die hoffnungsfrohen Gesichter meiner Hartz IV-Nachbarn. Wir schienen uns manchmal direkt in die Augen zu blicken, aber nicht sehr lange.
Ich begann mittags Bier zu trinken (morgens kriegte ich keins runter), aber daran konnte ich mich nicht gewöhnen. Ich schlief davon schnell ein. Manchmal lag ich einfach auf dem Boden, weil mir die Couch so furchtbar auf die Nerven ging. Und schlief ebenfalls ein.
Irgendwann lag ich also auf dem Boden, in Fötushaltung, und dachte: ich hab wohl ein Tief.
In den Semesterferien tendierte ich schnell zum Durchhängen und Faulenzen, aber das war tatsächlich eine andere Dimension. Ich ging ins Bad und betrachtete mein müdes Selbst im Spiegel. Ich sah aus wie Howard Hughes. Also wie der schrullige Phobiker, nicht der gutaussehende Milliardär. Aber das waren ja beides dieselben.
Es musste was getan werden. So duschte ich, rasierte mich, und brachte endlich den Müll raus.
Ich ging an die frische Luft. Ein Spaziergang würde mir guttun. Immerhin konnte die USB-Ventilatorluft nicht mit reinrassiger Stadtluft konkurrieren. Die Stadt roch vielleicht nicht nach Pinien und frischer Minze, dafür roch sie nach Leben. Nach Abfall, Abgasen, Blut, Schweiß, Nestle, und dampfender Hundescheiße, aber es war echt. Ich war ganz aufgeregt wieder in der Welt der Lebenden zu wandeln, und tänzelte durch die vernachlässigten Straßen, den Jazzklassiker „I’ll see you in my dreams“ vor mich hinpfeifend. Dabei rempelte ich aus Versehen einen Flaschensammler an, der offensichtlich Mühe hatte, die enorme Menge an Pfandflaschen, die in löchrige Einkaufstüten gepfercht wurden, zu transportieren. Er ließ zwei Tüten fallen, woraufhin einige Flaschen rauskullerten. Er sah mich wütend an.
Du Arschloch!“
Tut mir leid“, sagte ich, „ich hab sie nicht gesehen.“
Ich beugte mich vor um ihm zu helfen, die Flaschen wieder einzusammeln, doch er stieß mich weg.
Verpiss dich oder ich hau dir auf die Fresse!“
Ich wollte doch nur helfen!“
Das machte ihn nur noch wütender, und er machte Anstalten, aufzustehen, um mich mit geballter Faust davonzujagen. Ich lief davon, und verkroch mich wieder zuhause. So schnell ging es wohl nicht, aus dem Tief herauszukommen.

Der Vorfall machte mir Gedanken. Wer hatte eigentlich das größere Problem? Der irre Pfandsammler oder ich? Er ging wenigstens raus, und machte was. Auch wenn er ziemlich gemeingefährlich schien. Ich blieb zuhause und ernährte mich von Konserven. Es musste sich was ändern.
Ich wollte schreiben. Ich hielt mich immer für einen zukünftigen Schriftsteller. Nur schrieb ich nie. Aber war mein Zustand nicht ideal, um zu schreiben? Deprimiert, am Boden, pleite, die heilige Dreifaltigkeit der Kreativität. Aber so einfach war das nicht. Wut war für mich immer ein inspirierender Faktor. Ich war momentan jedoch auf niemanden wütend. Vielleicht ein wenig auf den Pfandsammler. Sollte ich über ihn schreiben? Oder darüber, dass ich gerne schreiben würde? Darüber, dass ich vergeblich versuchte, Alkoholiker zu werden? Das war übrigens ein gutes Stichwort. Sogleich machte ich eine Flasche Rotwein auf, der meine sardonische Seite lockern sollte.
Ich schrieb tatsächlich ein bisschen, was meine Laune etwas verbesserte. Ich hatte wieder Lust, meine Freunde zu sehen. Andererseits hatte ich Bedenken, weil sich niemand bei mir meldete. Nicht mal eine SMS. Ich griff zu meinem Handy und merkte, dass es aus war. Der Akku musste irgendwann alle gegangen sein, und nun war es wochenlang aus. Ich lud es wieder auf, und merkte, dass ich 20 verpasste Anrufe und 15 SMS hatte. Da fühlte ich mich noch ein wenig besser.

Fortsetzung folgt

Montag, 11. August 2014

Men of Crisis – The Harvey Wallinger Story


Anfang der Siebziger Jahre haben viele Schriftsteller und Künstler gegen Richard Nixons Innen- und Außenpolitik gewettert, und waren dabei stellenweise erstaunlich harsch. Philip Roth schrieb den Roman „Our Gang“, Gore Vidal schrieb das Stück „An Evening with Richard Nixon“, und der beste Dokumentarfilmer des Landes, Emile de Antonio, machte 1971 „Millhouse: A White Comedy“, eine Dekonstruktion in Selbstzeugnissen. Im selben Jahr drehte Woody Allen ein Fernsehspecial für PBS mit dem ursprünglichen Titel „The Politics of Woody Allen“, das aber kurz vor der Ausstrahlung zurückgezogen wurde.
Heute ist der Film unter dem Titel „Men of Crisis – The Harvey Wallinger Story“ bekannt, eine halbstündige Mockumentary, in dem Allen einen Politiker spielt, der in vielerlei Hinsicht auf Henry Kissinger verweist. 

 
Nachdem ich den Film gesehen habe, war ich über die Entscheidung der PBS nicht mehr überrascht. Den Film polemisch zu nennen, wäre eine Untertreibung. Nicht nur die damalige Regierung kriegt ihr Fett weg, sondern auch demokratische Gegenspieler wie Hubert Humphrey und George Wallace. Allen portraitiert die Säulenheiligen der amerikanischen Politik ohne jeglichen Respekt, aber mit Verve, sowie einer wahnwitzigen Geschwindigkeit, die an die frühen Marx Brothers erinnert.
Men of Crisis“ ist noch mehr im pseudodokumentarischen Stil gehalten als Allens erster Regiefilm „Take the Money and run“. Man könnte sagen, er hat sich mit diesem kleinen Fernsehfilm auf „Zelig“ vorbereitet.

For Secretary of Defense he chooses Melvin Laird. Laird also has a plan to end the Vietnamese War, so complicated that only two people in the world understand it, and neither one of them is Laird.“

Statt Kissinger holt Nixon seinen alten Freund Harvey Wallinger mit in die Regierung, der für seine sexuellen Eskapaden berüchtigt ist. Seine erste Freundin (gespielt von Louise Lasser) erinnert sich:

I dated him. He was, like, one of my first major boyfriends. He was like the first person, you know, I ever slept with or anything.“

How did you find it?“

It was a mistake.“ 

 
Eine Nonne hingegen erinnert sich nur allzu gern an ihre, sagen wir, Begegnung mit Wallinger („He was sexy!“). Selbst Nixons Ehefrau wollte sich mit ihm einlassen, doch dazu war der Absolvent der John Dillinger-High School (!) natürlich viel zu anständig.
Als junger aufstrebender Anwalt war er ein Mitglied von Senator Joe McCarthys Kommunistenjagd, und ist durch seine provokativen Fragen aufgefallen („Were you ever a member of the Boy Scouts of America?“).
Wallinger hatte niemals Angst die Wahrheit beim Namen zu nennen: „Abraham Lincoln was a Jew. That’s the truth. He went to Hebrew school, his name was Abe Trockman!“
Kurz nach seiner Niederlage gegen Kennedy, verließ Nixon das Feld der Politik für eine Weile. Wallinger ließ sich scheiden. Seine Frau (Diane Keaton) konnte es nicht verkraften, dass Wallinger sie mit einer Demokratin betrogen hat.
Wallinger dazu: „Sex is a very capricious thing, you know? Sometimes I feel like making love to a democrat, sometimes I feel like making love to a republican, you know? Generally, I try and wait, and see what the Russians do first.“ 

Die dynamischen Drei: Agnew, Nixon, Wallinger.
 
1968 kommt Nixon zurück, wird Präsident, und holt Wallinger als engen Vertrauten wieder mit ins Boot. Geschichte wird gemacht:

We decided to bomb Laos because we were not happy with they way it was spelled.“

Persönlich finde ich es schade, dass Allen sich nach seinen ersten anarchischen Filmen gänzlich von der Politik zurückgezogen hat, und im Privaten versumpft ist. Seine Groucho Marx-Attitüde hat er sich längst abgewöhnt. Jedoch ist sein Nixon-Film vor dem Watergate-Skandal und der Verleihung des Friedensnobelpreises an Kissinger (und Le Duc Tho, der klugerweise verzichtete) entstanden, Ereignisse, die die Grenzen der Satire mehrmals gesprengt hätten. Was soll man auch machen, wenn die Realität sich selbst karikiert? 

Tricky Dick, nie um eine Antwort verlegen