Willkommen daheim!

Willkommen daheim!

Samstag, 18. Oktober 2014

Nur Arbeiten und nicht Spielen - Teil 2


Mein erster Einsatzort wurde nicht, wie erwartet, Eschborn, sondern Hattersheim. Ich sollte bei der Firma Mant-a-vision eingearbeitet werden. Die Firma befand sich etwas außerhalb des Ortes, in der Nähe der Autobahnausfahrt. Es war allem Anschein nach ein großes Unternehmen, auf dem Gelände fanden viele furchteinflößend große Lagerhallen Platz. Und es gab mindestens so viele Parkplätze wie bei einer Ikea-Filiale. Seltsamerweise hatte ich Schwierigkeiten den Eingang zu finden. Dieser erschien gar nicht so prunk- und eindrucksvoll wie erwartet. Eine etwas unscheinbare Glastür führte zu einem Empfang, der sehr spartanisch ausgestattet war. 80 einsame Quadratmeter mit einem Schreibtisch auf der einen und einem Weihnachtsbaum auf der gegenüberliegenden Seite. War es dafür nicht außerdem viel zu früh?
Am Schreibtisch saß ein älterer Wachmann, der mich anstrahlte.
Bin ich hier richtig bei Mant-a-vision? Ich soll hier anfangen. Beim Empfang.“
Alles richtig, mein Lieber.“
Er stand auf und schüttelte meine Hand: „Ich bin Vassilis. Und du bist meine Ablösung.“
Ich verstehe. Ich heiße Erik.“
Vassilis zeigte mir seine Notizen. Frau Dobrindt sollte endlich Herrn König zurückrufen. Ein Kunde aus Japan rief immer wieder an, aber die Leitung brach ständig zusammen. Ich sollte ihn direkt mit dem Auslandskundenservice verbinden, bevor das wieder passierte. Das war mit den Kollegen auch schon abgesprochen.
Kann ich dich alleine lassen? Verstärkung kommt bestimmt gleich. Es ist gleich halb acht.“
Okay.“
Er schnappte sich seine Thermoskanne, seine Tupperdose und seinen John Grisham, verabschiedete sich und ging. Er sah glücklich aus. Aber mein Tag fing erst an.
Das Telefon klingelte. Wenn ich sage, das Telefon klingelte, dann meine ich den Computer, mit dem kompliziert aussehenden Display, den hundert Knöpfen und dem Hörer, der das einzige war, dass an ein Telefon erinnerte. Ich habe so ein Ding bestimmt mal in einem Film gesehen.
Ich tat das offensichtlichste, ich nahm den Hörer ab.
Hallo?“, fragte ich ängstlich. „Mant-a-vision. Wasilewski am Apparat.“
Klang fast professionell. Ich fühlte mich sofort wie ein Hochstapler.
König“, sagte Herr König, sichtlich angenervt. „Ist sie jetzt da?“
Wen möchten sie sprechen?“
Ich hatte den Zettel eben noch vor mir liegen.
Frau Dobrindt! Genau wie vor einer Stunde! Und die Stunde davor!“
Einen Augenblick.“
Ich fand eine Telefonliste, wo sich anscheinend die wichtigsten Namen samt ihrer Kurzwahl befanden. D wie Dobrindt. Da war sie. 4367. Jetzt musste der Zauberkasten den Anruf irgendwie weiterleiten.
Sie haben mich noch nicht verbunden“, sagte König, der wahrscheinlich vor Wut schäumte. Ich fragte mich, was eigentlich sein Problem war. Es war kaum acht Uhr in der Frühe, und angeblich versuchte er schon seit Stunden, jemanden zu erreichen. Aus welcher Zeitzone rief er an?
Ich drückte den Knopf, den ich für richtig hielt, und wählte die Nummer. Dann legte ich auf. Entweder hatte alles geklappt. Oder ich hatte den emsigen Frühaufsteher aus der Leitung gekickt.
Was war das eigentlich für ein Unternehmen, bei dem ich als Springer engagiert wurde? Was bedeutete Mant-a-vision? Stellten die irgendwas her? Ließen die herstellen? War das eigentlich koscher? Ich sollte bei Gelegenheit mal nachfragen.
Ein wichtig aussehender Mann im Anzug klopfte an die Tür. Er sah genauso genervt aus, wie Herr König klang. Ich bemerkte den Türöffner neben dem Star Trek-Telefon, und betätigte diesen. Es folgte ein Surren, der Mann rüttelte an der Tür, nichts schien sich zu tun. Ich drückte noch einmal den magischen Knopf, doch er konnte auch diesmal nicht herein. Da sah ich neben dem Türöffner einen kleinen Zettel, auf dem geschrieben stand: „Ziehen“. Ich drückte noch einmal auf den Knopf und demonstrierte dem Mann die Geste des Ziehens. Ich musste wie ein betrunkener Bogenschütze ausgesehen haben, aber er hatte es endlich begriffen und zog an der Tür.
Wohl kaputt, was?“, begrüßte er mich, auf die Tür verweisend.
Ich glaube nicht“, sagte ich.
Ohne ein weiteres Wort verschwand er.
Minuten vergingen, ohne dass was passierte. Meine Kollegin war noch nicht da. Ich machte mir langsam Sorgen. Wenn das Telefon erst nicht mehr aufhörte zu klingeln, und keiner durch die Tür kam, ging es erst richtig los. Ich konnte es mir bereits ausmalen.
Ein Mann betätigte die Klingel. Ich drückte den magischen Knopf, und er kam herein. Er sah wichtig aus. Aber auch etwas klein. Was ihm eine zusätzliche Beharrlichkeit verlieh.
Ja, haben sie das nicht gesehen?“, fragte er, und sah mich an, als wäre ich seiner nicht würdig. Vielleicht ahnte er auch bloß, dass ich größer war als er.
Was denn?“
Diese Parkplätze“, er verwies mit seiner Hand etwas beliebig in eine vage Richtung, „sind für die Firmenleitung reserviert, und zwar ausschließlich für die.“
Sind die denn nicht markiert?“, fragte ich.
Nein“, sagte er, als hätte er mir das schon tausendmal gesagt. „Dazu kamen die Leute noch nicht. Wir sind ja auch erst hierher umgezogen. Die Handwerker sind noch nicht fertig hier.“
Tut mir leid, ich bin neu hier, ich wusste nicht…“
Hören sie zu: wenn sie ein Auto sehen, das nicht hierhergehört, dann gehen sie raus und erklären den Leuten, dass sie hier nicht parken können.“
Dann ging der kleine Mann von dannen.
Daraufhin sah ich eine Frau vor der Tür, die mir zuwinkte. Ich betätigte den Türöffner.
Smalltalk mit dem Chef, und das schon am ersten Tag“, sagte sie und lachte.
Das war der Chef?“
Ich bin die Regina“, sagte sie, und schüttelte mir energisch die Hand. Sie war stämmig, blond, und gutgelaunt.
Erik.“
Was hat er denn gesagt?“
Dass hier Leute falsch parken. Aber es nicht wissen. Und deshalb soll ich sie von den Parkplätzen verjagen.“
Ach, die Geschichte schon wieder.“
Das passiert hier öfters?“
Wir haben den Standort gewechselt, und es läuft noch nicht alles, wie es soll.“
Eine Frage: woher weiß ich, wer hier parken darf und wer nicht?“
Ich zeig’s dir. Ich kenn die Geschäftsleitung vom Sehen. Die haben auch die dicksten Karren.“

Nach einigen Tagen bei Mant-a-vision (Regina wusste übrigens auch nicht, was hier hergestellt wurde, wenn überhaupt), wurde alles noch verrückter. Die Leute hatten ohnehin schon Probleme mit dem Türöffner. Aber es wurde noch komplizierter: bevor ich oder Regina den Türöffner überhaupt betätigen konnten, mussten die Leute draußen eine extra angefertigte Klingel betätigen. Doch niemand schien davon erfahren zu haben. So standen die verwirrten Angestellten vor der Glastür und warfen uns hasserfüllte Blicke zu. Wir gestikulierten, manchmal schrien wir auch. Die Angestellten schrien auch. Leute parkten auch weiterhin auf den heiligen Parkplätzen der Geschäftsleitung, weil diese sich eben nah am Eingang befanden (die Parkplätze hatten Walmart-Ausmaße), und noch immer nicht markiert waren.
Außerdem arbeitete ich mit verschiedenen Kolleginnen, die sich alle nicht ausstehen konnten. Ich als einziger Kerl wurde in Ruhe gelassen, fungierte manchmal auch als Puffer. Aber die Mädels konnten nicht miteinander. Die Eine war zu entspannt, die Andere zu gestresst. Die Eine hatte einen eher rustikalen Humor, die Andere war sehr sensibel. Die Eine war pflichtbewusst und penibel, und die Andere etwas schludrig. Kurz: die Eine konnte die Andere nicht leiden. Und ich saß daneben oder hab Briefe frankiert. Das tat ich am liebsten. Weg von dem großen Missverständnis, das den enigmatischen Namen Mant-a-vision trug, versteckt in einem einsamen Kellerraum, wo die Frankiermaschine stand. Mein Refugium.
Ein Job wie dieser ließ einen zum Kulturpessimisten werden. Keiner kam mit dem Anderen aus. Und niemand wusste irgendwas. Jeder wusste nur so viel, wie er wissen musste, um den Laden mehr schlecht als recht am Laufen zu halten. Niemand war hilfsbereit. Und keiner der Angestellten war jemals telefonisch erreichbar – zumindest sollte man das stets ausrichten. Nur Vassilis, dem Nachtwächter, dem ging es gut. Er saß nachts in diesem großen, groben Koloss von Gebäude, und keiner belästigte ihn. Keiner rief an. Keiner beschwerte sich. Er saß da mit seiner Thermosflasche und seinem Buch. Vielleicht hatte er auch ein kleines Radio dabei. Ganz bestimmt, denn die Computer durfte er nicht benutzen. Seine Arbeit und sein Leben hatten gänzlich analogen Charakter. Wenn sich morgens um 8 Uhr die ersten vom Leben Zerknirschten hierhin quälten, hatte er schon seine Sachen gepackt, und machte sich auf den Weg nachhause. Der glückliche Hund.

Freitag, 10. Oktober 2014

Nur Arbeiten und nicht Spielen - Teil 1


Eine Erik Wasilewski-Geschichte

Geld wächst nicht auf Bäumen. Also geht man hinaus, und verdient es. Als Student macht das besonderen Spaß. Man studiert vor sich hin, oft auch viel Blödsinn, und kriegt dafür nichts, bezahlt sogar dafür (in vielerlei Hinsicht). Nebenbei auch noch malochen zu gehen, ist nicht immer einfach. Man muss quasi zwei Leben leben, das eine ist das simple, werktätige, und das andere hat mit abstrakten Problemstellungen zu tun, die außerhalb der Uni nicht existieren. Studentenjobs gibt’s wie Sand am Meer, wieso auch nicht, Studenten müssen von irgendwas leben. Bücher essen kann man nicht. Man muss sie ja fristgerecht zurückbringen. 
Die Leute, die Studenten Jobs anbieten sind meist glückliche Leute, da sie Studenten mit Kleingeld abspeisen können mit dem Wissen, dass sie nicht aufmucken, da sie das Geld dringend brauchen. Es gibt auch Jobs, die nur für Studenten funktionieren, da sie sich für die Anderen schlicht und ergreifend nicht rentieren würden. Über einen dieser Jobs möchte ich eine Geschichte erzählen. Mein BAföG lief aus, ich saß also auf dem Trockenen. Die Semesterferien standen vor der Tür. Der Herbst war nicht weit. Ich wusste, im Oktober, vielleicht schon im September würde ich die Miete nicht bezahlen können. Ich surfte durchs Netz, auf der Suche nach Nebenjobs. Ich schrieb ca. dreißig Bewerbungen, aus denen nichts wurde. Bis ich irgendwann einen mysteriösen Anruf bekam. Die Frau am anderen Ende der Leitung klang ein wenig abgehetzt.
„Herr Wasilewski? Anita Jürgens hier, von P-Direkt Plus.“
„Wie bitte?“
„Oh, Entschuldigung. Als sie sich bei uns beworben haben, da hießen wir noch Service Plus Direkt.“
„Ach, ja. Natürlich.“
„Sind sie noch interessiert an dem Job?“
„Na klar.“
Ich hatte mich als Studentische Aushilfe bei irgendeiner Firma beworben. Hörte sich nach einer entspannten Angelegenheit an.
„Der Posten, auf den sie sich beworben haben, den gibt es nicht mehr. Aber wir suchen noch Springer.“
„Springer?“
„Ich erklär’s ihnen. Sind sie gerade in Mainz?“
„Ja.“
„Dann treffen sie mich doch heute Nachmittag, wenn es ihnen recht ist, beim RettungsRing in Mainz.“
Der RettungsRing war eine Organisation, die von einem heute pensionierten oder toten SWR-Moderator gegründet wurde. Menschen, die Opfer von sexuell motivierten Straftaten werden, können sich an den Ring wenden, um Unterstützung zu beantragen, seelische oder monetäre. Er erinnert vom Ansatz her an den Weißen Ring, und wurde in den Medien oft als der inkompetente Bruder des Weißen Rings bezeichnet. Angeblich läuft bereits seit Jahren ein Rechtsstreit um den Namen.
Viele wissen das nicht, aber die Zentrale des RettungsRings befand sich in Mainz, genauer, in Mainz Marienborn. Für mich hieß das zum anderen Ende der Stadt zu fahren. Was ich auch prompt tat. Ich war heiß auf das Geld. Und wenn ich dafür arbeiten musste, so würde ich es tun. So verzweifelt war ich.
Der Rettungs-Ring befand sich in einem eher kleinen dreistöckigen Gebäude, schlicht und grau von außen, und von innen eigentlich auch. Frau Jürgens erwartete mich am Empfang.
„Herr Wasilewski!“
Sie begrüßte mich und geleitete mich in einen freien Büroraum. Es war dunkel, doch sie dachte gar nicht daran, den Lichtschalter zu betätigen.
„Ich war ja etwas erstaunt, dass sie sich auf diesen Posten beworben haben.“
„Wieso?“
„Nun, weil er bereits seit ca. einem Monat besetzt ist.“
„Ich habe einfach auf ihre Anzeige im Internet reagiert.“
„Aha. Und auf welcher Seite waren sie da genau?“
„Das weiß ich leider nicht mehr. Wenn sie wollen, kann ich das für sie rausfinden…“
„Ja. Bitte. Würde mich sehr interessieren, auf welcher Seite sie waren.“
„Ja.“
„Gut.“ Sie schien sich langsam zu entspannen. „Der RettungsRing sagt ihnen was, Herr Wasilewski?“
„Ja.“
„Das ist gut. Denn manche sind ein bisschen geschockt, wenn sie hier anfangen. Ich könnte ihnen einen Springer-Job anbieten, wenn sie wollen. Das heißt, wir setzen sie da ein, wo sie gebraucht werden. Unser Unternehmen hat Kunden in ganz Deutschland. Wir würden sie natürlich nur im Rhein-Main-Gebiet einsetzen. Sie sind Student, sagten sie?“
„Ja.“
„Dann können sie ja auch öffentliche Verkehrsmittel kostenfrei in Anspruch nehmen.“
„Ja.“
„Sehr gut. Das werden sie müssen. Also, sie werden viel Bahn fahren.“
„Okay.“
„Wir werden sie in Eschborn einarbeiten. Und dann sehen wir, was passiert. Wie klingt das?“
„Was soll ich denn eigentlich machen?“

P-Direkt Plus (wofür das P steht, weiß ich bis heute nicht) hatte seinen Hauptsitz in Frankfurt. Dort unterschrieb ich meinen Arbeitsvertrag. Es war Donnerstag. Ab nächster Woche sollte es losgehen. Ich war ein wenig aufgeregt. Es war nur ein Nebenjob, aber es war ein Vorgeschmack auf das sogenannte richtige Leben. Viele meiner Freunde hatten Nebenjobs. Und sie redeten oft und gern über ihre Erlebnisse bei der Arbeit. Nicht, weil die Arbeit so interessant war, sondern weil sie so frustrierend sein konnte. Anna arbeitete beim Cinestar und wurde, nach eigenen Aussagen, ausgebeutet. Vor kurzer Zeit ist sie samt ihren Kollegen in den Streik getreten. Harri Schuster war gelegentlicher Lagerarbeiter, beschwerte sich aber nicht. Das tat er nie. Dennis war Amphetamindealer und Feingeist, deshalb ärgerte er sich über seine Kundschaft, die ihm meist zu hirnlos war. Sebastian arbeitete beim ZDF, wofür ihn alle beneideten, doch er war bloß Kabelträger. Außerdem beschwerte er sich stets darüber, dass die Moderatorin der Sendung „TV-Garten“ ihn sexuell belästigte. „Schlucks runter“, riet ihm ein Kollege. „Die Alte kann dich fertigmachen, wenn sie will“.
Mark hingegen war ganz zufrieden bei „Musik Alexander“. Immerhin war er umgeben von Pianos, was ihn bis zu einem gewissen Grad beruhigte. Wenn ihn der Blues überkam, konnte er ihm Gestalt verleihen, und so tun, als wolle der potentielle Kunde eine Klangdemonstration.
Vor meinem geistigen Auge erschienen Auszüge meines zweiten Gesprächs mit Frau Jürgens von P-Direkt Plus, einer Firma, die Leute für Rezeptions- und Poststellenjobs anwarb. Was sie sagte klang abenteuerlich, ich wusste dennoch nicht genau, was ich so alles tun sollte.
„Sie haben uns ihre Tage durchgegeben, an denen sie arbeiten können“, sagte sie, „das heißt, es kann passieren, dass wir sie an einem dieser Tage um sechs Uhr morgens anrufen, weil jemand ausgefallen ist. Sie dürfen ihr Handy nicht ausschalten.“
„Es kann auch passieren, dass wir sie an ihrem Einsatzort anrufen. Vielleicht brauchen wir sie für den Nachmittag anderswo.“
„Wir werden sie natürlich nichts nachts anrufen oder so was. Aber schalten sie ihr Handy ja nicht aus!“
„Sie verdienen ganz gut bei uns!“
„Beim RettungsRing sollten sie, sagen wir mal, etwas robuster sein. Aber das sind sie ja, das sehe ich ihnen an.“
„Wir haben so viele Probleme mit Leuten, die einfach ihr Handy ausschalten. Also ich bitte sie inständigst, ihr Handy nicht auszuschalten.“
„Niemand wird ihnen ein Bein ausreißen, wenn’s mal nicht so läuft. Sie sind Springer, die Leute wissen das.“
„Und was studieren sie? Ach ja, interessant! Und was macht man dann damit?“
„Bitte schalten sie ihr Handy bloß nicht aus!“
Ich befand mich in der Nähe der Hauptwache. Ich kannte die Straße. Ein Comicladen befand sich irgendwo in der Nähe, den ich früher öfter aufsuchte. Ich hatte das verrückte Bedürfnis, wieder hineinzugehen. Er erinnerte mich an eine einfachere Zeit. Ich lebte noch zuhause, ich hatte gerade angefangen in Frankfurt zu studieren. Ich musste auch nicht arbeiten. Meine Wochenenden waren frei. Freitags nach der letzten Veranstaltung machte ich mich auf den Weg in den Comicladen. Ich sah den langhaarigen Verkäufer mit dem Batman-T-Shirt, der in irgendeinen hippen Garth Ennis-Comic vertieft war. Er grummelte ein Hallo, und las weiter. Es war sonst niemand da. Der Laden war von einer angenehmen Stille erfüllt. Der Lärm von draußen schien jene heiligen Hallen nicht zu erreichen. Es lief nicht mal Musik. Ab und zu warf ich einen Blick auf den Verkäufer. Ich hatte ihn nie nach seinem Namen gefragt. Ob der Laden genug Geld abwarf? Er schien sich keine Sorgen zu machen. Sein Gesicht war speckig, aber faltenfrei. Er rasierte sich sicher nur einmal die Woche. Er musste nicht erwachsen werden. Hier nicht. Er hatte die Welt ausgetrickst. Aber auch ich hatte keine Sorgen, wenn ich freitags hier reinspazierte. Ich war zuhause.
Ich kaufte nicht immer was, manchmal war ich nur am Stöbern. Ich flanierte durch den Comicladen. Blieb mal vor einer Neuausgabe stehen, dann wieder vor einem Heft, das niemand je zu kaufen schien. Ich blätterte darin herum, und dachte, vielleicht kaufe ich es nächste Woche.
Irgendwann musste ich die Uni wechseln, und landete in Mainz. Ich mietete ein Apartment, begann zu arbeiten. Mein Abschluss verzögerte sich immer weiter. Ich lernte viel über das Leben. Ich hörte auf, Comics zu lesen.
Ich lief durch die Straße, aber ich fand den Laden nicht wieder. 

Fortsetzung folgt