Willkommen daheim!

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Freitag, 26. Dezember 2014

Silent Night, Bloody Night (1972)


Es ist ja Weihnachten, also empfehle ich einen Weihnachtsfilm, der es in sich hat. Theodore Gershunys "Silent Night, Bloody Night" ist ein wunderbar atmosphärischer Gruselfilm um ein Haunted House und das schreckliche Geheimnis, das dieses in sich birgt. Toll besetzt mit Patrick O'Neal (in einer Janet Leigh-Rolle), der leicht entrückten Mary Woronov (damals noch mit dem Regisseur verheiratet), John Carradine (der hier keinen Text lernen musste) und "The Face" James Patterson, dessen letzter Film das werden sollte. 

Troma-Gründer Lloyd Kaufman war einer der Ko-Produzenten des Films, der von der legendären  Cannon Group vertrieben wurde. Der Film ist in der Public Domain und kann hier in seiner ganzen Pracht (vor allem im richtigen Bildformat) angeschaut werden.

Wer sein Weihnachten düster mag, ist hier richtig. Alle anderen gucken lieber diesen Film.

Sonntag, 21. Dezember 2014

Die Gezeichneten - Teil 3


Am nächsten Morgen bereute ich den Entschluss, dachte aber, ich hätte es eh nicht getan. Ich hatte leidglich sehr plastisch geträumt. Trotzdem überprüfte ich sogleich mein E-Mail-Postfach um mit Entsetzen festzustellen, dass alles, wovon ich geträumt hatte, der Wahrheit entsprach. Die Nachricht, die ich an Kröger schrieb, war einigermaßen artikuliert, was mich angenehm überraschte. Ich schrieb über die Unübersichtlichkeit des Buchmarktes, über die geringen Chancen, die einem jungen Autor in der harten Welt des Raubtierkapitalismus blieben und über den Übermut der Jugend, der mich dazu veranlasste,  „Der Tod und das Leben“ bei einem unseriösen Verlag zu veröffentlichen. Aber den letzten Satz hätte ich mir trotzdem sparen können: „Sie haben meine Gefühle verletzt, und jetzt geh ich ins Bett!“
Vielleicht würde er das ja für ein rhetorisches Versehen halten, statt für das, was es ist. Aber wahrscheinlich nicht. Ich beschloss, die Sache zu vergessen, und mich endlich dem Ende meines Studiums zu widmen. Es wurde Zeit.
Das klappte auch ganz gut für die ersten paar Tage. Ich ließ mich wieder an der Uni blicken, ging zu Sprechstunden, und recherchierte Prüfungsthemen. Das Leben ging seinen gewohnten Gang, bis ich einen seltsamen Brief in meinem Briefkasten fand. Kein Absender. Nur eine handgeschriebene Nachricht: „Heute Abend um 23 Uhr in der Tiefgarage (Cinestar). Kommen Sie allein. K.“
Es war nicht mein erster Impuls, den Buchstaben K. mit Kröger in Verbindung zu bringen. Zunächst dachte ich an einen Streich, möglicherweise von Mark, dann dachte ich an eine Verwechslung. Aber der Drang zur Wahrheit war zu groß. Ich musste hingehen.

Nun wartete ich schon seit einer halben Stunde. In der Tiefgarage war es kalt und gruselig. Einsame Schritte, die durch die Dunkelheit hallten, quietschende Reifen und Alarmanlagen regten meine schlimmsten Befürchtungen an. Darüber hinaus war ich nicht der Einzige, der nachts in Tiefgaragen abhing. Ein paar Obdachlose streunten herum und musterten mich aus der Ferne. Was für ein Idiot, dachten sie sicher. Den ziehen wir ab. Ich konnte es ihnen nicht verübeln. Welcher Mensch machte so was? Vielleicht gab es auch keine Nachricht von K., sondern nur mein Unterbewusstsein, das sich Dinge ausdachte, die mich vom Studium abhielten. Wie dem auch sei, ich musste mein Leben dringend überdenken. Mir einen vernünftigen Job suchen. Vielleicht als wissenschaftliche Hilfskraft. Ein paar alte Freunde anrufen, die ich länger nicht mehr gesehen hatte. Mit der Sauferei Schluss machen. In eine bessere, grünere Gegend ziehen. Mir ein Fahrrad zulegen, um der Abhängigkeit von Bus und Bahn eine gesunde Alternative entgegenzusetzen. Wieder Gedichte schreiben, wie ich es während der Schulzeit getan hatte. Rosen sind rot, und…
„Herr Wasilewski?“, fragte eine Stimme aus dem Nichts.
Ich erschrak. Ich sah mich um, doch es war niemand da.
„Entschuldigen sie die Verspätung. Ich hab sie überall gesucht. Ich hätte einen genaueren Treffpunkt benennen sollen. Meine Schuld. Bitte erschrecken sie jetzt nicht.“
Plötzlich leuchteten keine vier Meter vor mir zwei grelle Scheinwerfer auf. Jemand stieg aus dem Wagen. Er stellte sich vor die Scheinwerfer, und die Silhouette eines mittelgroßen Mannes in einem Trenchcoat zeichnete sich ab. Einen Hut trug er natürlich auch.
„Wer sind sie?“
„Sie wissen, wer ich bin.“
„Herr Kröger?“
Er trat einen Schritt näher: „Nicht so laut.“
„Ich verstehe nicht ganz“, flüsterte ich.
„Reine Vorsichtsmaßnahme, hat nichts mit ihnen zu tun. Also, entspannen sie sich.“
„Leicht gesagt. Ich hab das Gefühl, dass ich jeden Moment von einer magic bullet getroffen werde.“
Kröger lachte: „Bitte, Herr Wasilewski. So wichtig sind sie nicht.“
„Ich weiß“, sagte ich bitter. „Es war nur mein Überlebensinstinkt.“
„Bitte verstehen sie mich nicht falsch. Sie sind ein großes Nachwuchstalent. Ihr Stil erinnert mich an mich, als ich jünger war.“
„Was war dann das Problem? Ich entschuldige mich übrigens für meine etwas voreilige Mail. Sie entstand im Eifer des Gefechts, und ich weiß natürlich, dass so etwas Banales wie ein Book-on-Demand nicht…“
„Seien sie still, um Himmels Willen!“, rief er.
„Wie bitte?“
„Nicht dieses Wort! Wer weiß, wer noch hier ist.“
„Also doch…“
„Ja, Herr Wasilewski. Ihr kleines… Buch, möchte ich es mal nennen, hat ihnen leider keinen guten Dienst erwiesen.“
„Aber wieso?“, fragte ich. „Es ist doch so lange her. Es war ein Unfall. Ich war jung und hatte das Geld.“ 
„Verstehen sie, in unserer Branche kommt ein BOD praktisch dem Todeskuss gleich. Wer ihn einmal erhalten hat, ist ein toter Mann.“
Ich war schockiert. Doch es war nur allzu logisch. Alles fügte sich zu einem schlüssigen Gesamtbild. Ich hatte mir mein eigenes Grab geschaufelt.
„Es ist nicht nur so“, sagte Kröger, „dass die BODs vom Buchmarkt einfach ignoriert werden. Das glauben die Meisten. Aber es geht noch weiter. Wer ein BOD verzapft hat, kann sich eine Veröffentlichung bei uns abschminken. Genauso bei den anderen etablierten Verlagen. Ihr Name kommt in ein Word-Dokument, auf eine schwarze Liste, sozusagen. Die Zuständigen tragen die neusten Namen ein, und aktualisieren das Dokument. Jede Woche kommen mehr Namen hinzu. Eine Löschung aus der Liste ist quasi unmöglich, das Dokument ist nämlich schreibgeschützt. Und man muss einflussreiche Freunde haben und Geld. Viel Geld. Aber selbst dann steht man vor enormen Hürden. Es gibt eine fünfköpfige Jury, die über jeden Fall einzeln entscheidet. Und jedes Jurymitglied hat ein Vetorecht. Wie gesagt, es ist unmöglich.“
„Aber ist das nicht etwas übertrieben?“
„Sie verstehen immer noch nicht, Herr Wasilewski. Sie glauben, es handelt sich um ein arrogantes kleines Spiel von Verlegern und Lektoren? Wachen sie auf! Sie stecken alle mit drin, die Politik, die Justiz, die Wirtschaft. Wer, glauben sie, hat zu Guttenberg fertig gemacht?“
„Den ehemaligen Verteidigungsminister? Aber… aber das würde bedeuten…“
„Ganz genau! Auch er hat in seiner Jugend so eine Dummheit begangen. Ein autobiographischer Briefroman. ‚Die Leiden des jungen Karl Theodor‘. Unter Pseudonym zwar, doch das haben die rausgefunden. Natürlich hat man in der Öffentlichkeit so getan, als ginge es um seine Doktorarbeit. Aber bei der bescheißt jeder, wie alle wissen, die so einen Titel tragen.“  
„Mein Gott.“
„Ich begebe mich übrigens in größte Gefahr, nur weil ich mit ihnen rede, Herr Wasilewski. Aber ich war wirklich beeindruckt von ihrer Arbeit.“
„Sie sagten, mein Text sei drängend, kraftvoll.“
„Das war er auch. Als ich das gesamte Manuskript gelesen habe, war ich ganz außer mir. Doch ich hatte auch Angst. Denn bei der Recherche würde rauskommen, ob sie ‚gezeichnet‘ sind. So nennen wir alle Autoren, die auf die Liste kommen. Die Gezeichneten.“
„Aber wie konnte es so weit kommen?“, fragte ich. „Haben die Verlage so viel Angst vor den neuen Entwicklungen des Marktes?“
„Die Verlage haben vor allem Angst, was ihre Stellung gefährdet. Und sie haben allen Grund dazu. Sehen sie sich das 21. Jahrhundert an. Keiner liest mehr. Alle surfen im Internet, und schauen sich Videos an von einer Durchschnittslänge von 30 Sekunden. Sinneinheiten von mehreren Minuten Länge haben keine Chance mehr. Wenn bewegte Bilder nicht mehr ziehen, was sollen tote Buchstaben dann noch ausrichten?“
„Ich lese im Internet noch.“
„Im Internet liest man nicht, man überliest. Allerhöchstens. Geben sie zu: welchen Text im Internet lesen sie wirklich ganz?“
„Erwischt.“
„Sehen sie? Deswegen ist die Marginalisierung das einzige Mittel, mit dem man diese Entwicklung wenigstens verlangsamen kann. Und es wird noch schlimmer, bevor es besser wird. Die Literatur wird noch elitärer werden. Ich hab geheime Pläne gesehen, die mir das Blut in den Adern gefrieren ließen. Verstehen sie…“
Doch bevor er seinen Satz beenden konnte, erfüllte ein unerhört lauter Knall die Tiefgarage. Kröger fiel zu Boden. Er öffnete den Trenchcoat. Eine gewaltige Wunde klaffte auf der rechten Seite. Er biss die Zähne zusammen.
„Herr Kröger!“
„Verschwinden sie, schnell! Sie werden sie sonst holen.“
„Ich komme zurück. Ich hole die Polizei und einen Krankenwagen.“
„Seien sie nicht naiv. Keiner wird ihnen die Geschichte glauben. Außerdem werden sie es gleich zu Ende bringen. Und in der Zeitung wird zu lesen sein: Berühmter Verleger erschießt sich selbst. Familie und Freunde sind geschockt.“
„Ich lasse sie hier nicht zurück!“  
„Kanzlerin Merkel sagte, Deutschland hätte einen der bedeutendsten Denker und Literaten seit der Wiedervereinigung verloren. Aus aktuellem Anlass wiederholt die ARD die Dokumentation ‚Kröger. Ein Leben wie ein gutes Buch‘. Die nachfolgenden Sendungen verspäten… sich…“
Ich überließ ihn seinem Delirium und rannte so schnell es ging. Ich hatte keine Ahnung, woher der Schuss kam. Das einzige, was ich hörte, waren ich selbst, außer Atem, und meine Schritte. Doch je näher ich dem Ausgang kam, umso mehr schien ich ein Raunen im Nacken zu vernehmen, das sich über den ganzen Raum ausbreitete. Es waren die letzten Worte des Mannes, der sich für mich geopfert hatte: „Kröger hinterlässt eine Frau… zwei Kinder, und eine Geliebte. Auf seinem Grabstein soll stehen: ‚Auch ich war gezeichnet‘“ 

Danke an Emil für die Idee

Donnerstag, 18. Dezember 2014

Die Gezeichneten - Teil 2


Intermezzo: Die Kamikaze-Katzen

„Kann ich euch noch was zu trinken bringen?“, fragte ich.
„Nein, danke“, sagten beide unisono. Sie waren recht jung, kaum zwanzig. Die Gutaussehende hieß Marissa, und irgendwie verhielt sie sich auch so. Die Andere hieß Lisa und studierte Psychologie. Ihren Bachelor hatte sie in Wien gemacht. Jetzt wollte sie ihren Master in Frankfurt machen. Wir gingen zusammen auf den Balkon, während Mark sich mit der leeren, aber überaus hübschen Marissa unterhielt.
Sie setzte sich auf einen Stuhl und holte ihr Smartphone hervor.
„Ich zeig dir jetzt mein momentanes Lieblingslied.“
Ich war gespannt. Doch was schließlich aus ihren Lautsprechern drang, war ein typisches Club-Lied, reiner Beat, unterlegt mit Elektrosounds. Kein Gesang. Von einem Lied im eigentlichen Sinne konnte nicht die Rede sein. Von einem Lieblingslied noch weniger.
Ich nickte anerkennend. Sie lächelte. Trotzdem musste ich um eine Zigarette bitten, als sie sich eine anstecken wollte.
Sie drehte die Lautstärke auf und ließ den Blick schweifen.
„Entschädigt für die achtzehn Quadratmeter“, sagte ich.
„Was, der Blick?“
„Ja. Na ja. Manchmal.“
Sie schloss ihre Augen. Sie genoss ihre Beats. 
„Hast du nicht auch manchmal Lust“ fragte sie mich, „einfach in dein Auto zu steigen, und loszufahren? Wenn ich diesen Song höre, dann möchte ich einfach nur losfahren, und nie mehr wiederkommen. Ich möchte Gas geben, immer schneller werden, und dann gegen eine Mauer prallen. Also, nicht wirklich. Aber schon ein bisschen. Kennst du das Gefühl?“
„Na ja, ich fahr nicht so oft Auto.“
Meine Eltern wären sicher auch nicht erfreut zu erfahren, dass ich ihren Wagen, denn es wäre selbstverständlich ihr Wagen, betrunken, denn es wäre ganz bestimmt betrunken, vor die Wand fahre. Aber das verriet ich ihr lieber nicht.
Jedenfalls schaffte sie es nicht, eine Verbindung zwischen uns aufzubauen. Ich gebe zu, es lag an mir. Ich schaute manchmal rüber zu Mark und Marissa. Er schien sich auch nicht wirklich zu freuen. Und Marissa schien ununterbrochen zu reden. Ob sie dieselben bedenklichen Fantasien hatte wie ihre Freundin? Waren sie im Internet vielleicht sogar schon bekannt als die Suizid-Schwestern? Die Kamikaze-Katzen?
Lisa vergrub sich in ihr Smartphone. Der Song spielte noch. Vielleicht war es bereits ein anderer. Ich langweilte mich. Doch nicht sehr lange. Lisa stellte ihren Player noch lauter, stand plötzlich auf, ruhig und konzentriert, und versuchte dann vom Balkon zu springen. Es passierte alles so schnell. Ich dachte nicht, sondern reagierte. Ich hielt sie fest, so gut ich konnte. Sie zappelte wie ein Fisch.
„Lass mich“, schrie sie. „Ich will nicht mehr leben!“
„Immer mit der Ruhe“, sagte ich, und versuchte einen Blick auf Mark und Marissa zu erhaschen. Sie merkten nicht mal, dass wir hier ein Problem hatten.
„Nein, es ist alles sinnlos! Lass mich!“
Während ich sie so festhielt, konnte ich nicht anders, als daran zu denken, wie ich das Chaos meinem Hausmeister erklären würde. Er mochte mich ohnehin nicht. 
„Du springst jetzt nicht“, schrie ich, und entfernte sie mit aller Kraft vom Geländer. Ich setzte sie wieder auf den Gartenstuhl. Mark und Marissa hatten nichts mitbekommen. Lisa saß da, Tränen strömten ihr still übers Gesicht. Ich wollte sie um eine Zigarette bitten, doch ich traute mich nicht zu fragen.
Doch ihre Laune besserte sich zusehends. Bis die Tränen verschwanden, ihr Gesicht wieder Farbe bekam und sie ein breites Grinsen aufsetzte. Das alles spielte sich innerhalb weniger Sekunden ab.
„Du hast den Test nicht bestanden“, sagte sie. „Du bist bloß ein Spießer, wie all die anderen.“
„Wie bitte?“
„Na ja. Es ist schon spät. Wir müssen noch einen Abstecher nach Wiesbaden machen“, sagte sie, als hätten wir gerade eine gemächliche Partie Schach hinter uns.
„Um diese Uhrzeit?“
„Hab grad eine SMS von einem Freund bekommen“, sagte sie, und zeigte mir wie zum Beweis das leuchtende Display ihres Smartphones. „Er braucht meine Hilfe.“
Ich glaube, ihr entging die Ironie ihrer Aussage.
„Wieso?“, fragte ich. „Braucht er deine Fingerabdrücke auf ‘ner Waffe?“
Wir gingen hinein. Marissa erzählte Mark, dass ihr kleiner Bruder sich momentan auf Weltreise befand, und dass die Familie sich große Sorgen machte. Ihren Freund erwähnte sie auch in einem Nebensatz. Marks Gesichtsausdruck wechselte von „gelangweilt“ zu „wozu das Ganze dann?“.
„Marissa, wir müssen los“, sagte Lisa. „Es geht um Hamid. Ich erklärs dir später.“

„Was war das denn?“, fragte Mark, als ich die Beiden verabschiedet hatte.
„Das war eine interessante halbe Stunde“, sagte ich.
„War deine auch so langweilig?“, fragte er. „Meine hörte nicht auf zu reden. Es war so lähmend. Sie war absolut davon überzeugt, was Interessantes zu sagen. Außerdem redete sie pausenlos über ihren Bruder, der wohl ein Idiot ist. Das war bevor ihr beiden Turteltauben wieder reinkamt. Ich dachte mir: es ist mitten in der Nacht, ich bin ein Mann, sie nicht, lass uns das Beste draus machen, und dann schwallt sie mich zu?“
„Meine wollte bei mieser Clubmucke gegen eine Wand fahren und sterben. Vielleicht auch nicht. Aber so ähnlich. Dann wollte sie sich vom Balkon stürzen. Aber auch irgendwie nicht.“
„Frauen…“
„Mark, woher kanntest du die Beiden überhaupt?“
„Facebook.“
„Ich hoffe, das war dir eine Lehre.“
„Larissa sah nett aus. Ihr Profilfoto allein…“
„Marissa. Nicht Larissa.“
„Bist du sicher?“, fragte er.
„Ja.“
„Ich hätte es eh nicht erfahren. Ich kam kaum zum Reden. Ich hätte lieber mit der Anderen tiefschürfende Gespräche geführt.“
„Du hättest sie nur gelangweilt. Sie mag nämlich keine Spießer wie uns.“
„Und jetzt?“
„Ich bin jetzt betrunken genug, um Joachim Kröger eine weitere Mail zu schreiben“, meinte ich.


Dienstag, 16. Dezember 2014

Die Gezeichneten - Teil 1



Eine Erik Wasilewski-Geschichte


Ich konnte es nicht glauben, als ich die E-Mail las. Ich musste sie ausdrucken, und in den Händen halten. Ich musste sie nochmal lesen, immer wieder. Bis ich endlich begriff:

Lieber Herr Wasilewski,

vielen Dank für den Auszug ihres Romans „Die Leiden des jungen Erik“. Was ich gelesen habe, klingt sehr vielversprechend, ich würde Sie also bitten, mir das gesamte Manuskript zu schicken. Selten liest man etwas so Drängendes, Kraftvolles. Ich bin gespannt.
Mit freundlichen Grüßen

Joachim Kröger

Joachim Kröger. Der Joachim Kröger. Das Aushängeschild seines Verlags, ein smarter Lektor, ein geschickter Verleger, und selbst ein meisterhafter Schriftsteller. Er hatte die ersten 30 Seiten meines Romans gelesen, und war angetan. Es war ungeheuerlich. In was für einem Paralleluniversum konnte mir so etwas schon passieren?
Ich machte Luftsprünge vor meinem Laptop, und war froh, dass mich niemand dabei beobachtete. Ich war glücklich. Einfach glücklich. So fühlte es sich also an.
Nicht, dass ich es nicht verdient hätte. Ich war ziemlich stolz auf meinen ersten Roman. 200.000 Wörter verfasst in einem Zeitraum von drei Jahren, immer zwischen Seminaren, Partys, Gelegenheitsjobs, und den Schweinehundmomenten. Das Ganze handelte von einem jungen, schwermütigen Intellektuellen, der sich von der Welt missverstanden fühlt, eine unglückliche Liebe erfährt, dann noch eine, und schließlich Selbstmord begeht. Harter Stoff.
Ich zwang meine Freunde, das Manuskript zu lesen. Den Meisten gefiel es nicht, aber sie hatten Respekt vor der Anzahl der Wörter.
„Echt nicht mein Ding“, sagte Harri Schuster, „aber mach ruhig weiter so.“
„Ich lese nur Geschichten, in denen es um was geht“, sagte Mark, „No Offence!“
„Hast du das selbst geschrieben?“, fragte Sebastian.
Doch die konnten mich nicht demoralisieren. Denn was ich schrieb wurde quasi von ganz oben abgesegnet. Der Schriftsteller Volker Herberg, ein Dichter aus der ehemaligen DDR, kam eines Tages zu einer Lesung an meine Schule. Ich war sechszehn, und hatte bereits erste Gehversuche als Autor unternommen. Herberg war der erste Schriftsteller, den ich getroffen hatte, also ging ich zu ihm hin, und erzählte ihm von meinen Kurzgeschichten und meinen Träumen, ein bekannter Schriftsteller zu werden. Zu meiner großen Überraschung hörte er mir zu, und war tatsächlich interessiert. Ich sollte ihm doch was schicken. Ich tat es, und bekam von ihm einen handschriftlichen Brief mit Kommentaren und Ermunterungen. Ihm gefielen meine Sachen. Ich war außer mir vor Freude. Da war ich, noch nicht aus der Schule raus, und kommunizierte mit Volker Herberg auf Augenhöhe. Zwei Schriftstellerkollegen, die Ideen austauschten. Ich schickte ihm ständig neues, doch irgendwann beendete er unsere Korrespondenz mit den Worten: „Sie sind jetzt an einem wichtigen Wendepunkt in ihrem noch so jungen Leben angelangt. Möchten sie Papier füllen oder Schriftsteller werden?“
Er wollte, dass ich aufhörte, ihm ständig Briefe zu schreiben, glaube ich mittlerweile. Doch damals nahm ich mir den Rat sehr zu Herzen. Ich fing an, darüber nachzudenken, was ich da eigentlich schrieb und warum. Ich hörte auf, mich für so wichtig zu nehmen. Das hielt für eine Weile an. Dann kam ich an die Uni und traf lauter Leute, die sich für wichtig nahmen. Dann fing ich wieder an zu schreiben, natürlich nur über die großen Themen: Liebe und Tod. Das kulminierte irgendwann in dem Mammutwerk „Die Leiden des jungen Erik“.
Die nächsten Tage verbrachte ich vor dem Laptop, ständig auf mein Postfach schielend. Wann würde er mir antworten? Und wie? Würde ihm der Roman gefallen? War er vielversprechend genug? Kommt er rechtzeitig zur Buchmesse raus?

Mark hatte mal wieder nichts zu tun, und quartierte sich bei mir ein. Wir diskutierten über seinen neuen Job als Veranstalter einer Kaffeefahrt auf dem Rhein, und tranken Instantkaffee.
„Haben die vom Verlag sich schon gemeldet?“, fragte er.
„Nein. Ich warte schon seit vier Wochen… irgendwas muss vorgefallen sein.“
„Die lassen jetzt nicht alles stehen und liegen, um deine Autobiographie zu lesen.“
„Das ist keine Autobiographie.“
„Nicht offiziell zumindest“, sagte er. „Übrigens, hast du gewusst, dass der Khan Cent Shop in der Bahnhofsstraße jetzt dicht macht?“
„Wirklich?“
„Kein Witz. Ich bin eben dran vorbeigefahren. Und weißt du, wer Schuld hat? Der neue T€di, der ein paar Meter weiter aufgemacht hat.“
Ich seufzte: „So werden die ehrlichen, kleinen Geschäfte verdrängt. In diesem System gibt’s keinen Platz mehr für die guten alten Cent Shops.“
„Ich hab da mal ‘ne Zahnbürste gekauft“, meinte Mark. „50 Cent. Wetten, beim T€di ist dieselbe Zahnbürste jetzt doppelt so teuer?“
„Mit dem Kapitalismus stimmt einfach was nicht“, sagte ich. „Hey, was macht eigentlich deine neue Freundin?“
„Ich möchte nicht drüber reden.“
„Was ist los?“
„Es ist mir peinlich.“
„Was denn?“
„Ich fühle mich unwohl in ihrer Nähe. Sie erinnert mich an Sami Khedira. Dieselben vollen Lippen.“
„Du hängst ja auch nur vor dem Fernseher und schaust dir die WM an.“
Es war der Sommer des Jahres 2014. Die Fußballweltmeisterschaft war im vollen Gange, und Deutschland war schon im Viertelfinale.
„Hör auf so viel Fußball zu gucken. Vor allem den Unsinn zwischen den Spielen, die sinnlosen Features und die Propaganda.“
„Ich kann nicht“, meinte Mark. „Es ist wie ein Zwang. Ich fühle mich am Puls der Zeit.“
„Warst du nicht auch am Puls der Zeit, als Russland die Krim annektiert hat?“
„Nee. Ich dachte, die gehörte denen schon längst.“
Mark war ein Feingeist, aber eine geopolitische Null. Ich beließ es dabei, und checkte Mails. Und da war sie, die Antwort von Joachim Kröger.

Sehr geehrter Herr Wasilewski,

habe ihr Manuskript nun gelesen, und muss ihnen leider mitteilen, dass es doch nicht dem entspricht, was wir suchen. Ich wünsche ihnen weiterhin viel Glück.

Joachim Kröger

Ich war mehr als ernüchtert. Zuerst schrieb ich was Drängendes, Kraftvolles (was immer das heißen sollte), und jetzt war es doch nicht das, wonach er suchte. Oder „wir“. Jetzt plötzlich im Plural. Was hatte ich falsch gemacht? 
„Was hat er geschrieben?“, fragte Mark.
„Die wollen mich nicht.“
„Mach dir nichts draus. Die wollen eh nur Geld machen. Echte, männliche Kunst ist nicht gefragt.“
Mark gebar sich gern als Dichter mit Gewehr und Schweizer Armeemesser. Obwohl seine zarten Finger sich nur fürs Klavierspielen eigneten. Aber ich war verwirrt. Irgendwas stimmte mit dieser Mail nicht. Dieser plötzliche Kurswechsel. Als hätte man ihm dazu geraten, mein Manuskript zu vergessen. Doch wieso? Es war nicht politisch, und trat niemandem auf die Füße. Es war rein mit sich selbst beschäftigt. Es war perfektes Klagenfurt-Material.
„Vielleicht haben die in deiner Vergangenheit rumgeschnüffelt und sind auf etwas gestoßen.“
„Ach du, mit deinen Geschichten…“
„Überleg doch mal“, meinte Mark. „Sie haben dich gegoogelt und etwas gefunden, was ihnen nicht gefiel. Vielleicht waren sie auch auf Facebook unterwegs. Oder Friendscout.“
„Ich bin nicht bei Friendscout.“
„Wirklich nicht? Dabei ist das deine letzte Chance. Im Netz kannst du den Mädels noch was vorlügen. In der Realität sehen die sofort was abgeht.“
„Ich bin keine so schlechte Partie“, sagte ich entrüstet. Doch Mark hatte vielleicht Recht. Was, wenn Kröger sich nach meinen Fingerabdrücken im Netz erkundigt hatte? Ein unbedarftes Foto, das jemand auf Facebook gepostet hatte, konnte bereits falsche Signale senden. Kröger und sein Verlag suchten nach ernstzunehmenden Künstlern. Die sollten natürlich auch eine weiße Weste tragen.
Was, wenn ein Namensvetter von Erik Wasilewski das Netz unsicher machte? „Wasilewski erneut nach Kneipenschlägerei festgenommen“. „Bordellbetreiber tot aufgefunden. Wasilewski unter Tatverdacht.“ „Erik Wasilewski, der berühmteste Pfandsammler von ganz Kassel.“ Es war alles möglich.
Während Mark an seinem Smartphone rumspielte, betrieb ich sorgsame Recherche im Netz. Und ich musste nicht lange suchen.
„Ich glaubs nicht“, sagte ich.
„Was hast du?“
„Ich weiß jetzt, warum Kröger mich hat abblitzen lassen.“ Ich machte eine bedeutungsschwangere Pause. „‚Der Tod und das Leben‘.“
Mark schaute von seinem Smartphone auf, und sah mich fragend an. Ich legte meine erste Erschütterung ab, stand auf und begann im Zimmer auf und ab zu gehen. Ich war wie Sherlock Holmes, der nicht nur den Fall längst durchschaut, sondern jede Ironie, die darin lag, ausfindig gemacht hatte. Mark war mein ahnungsloser Dr. Watson.
„Vor sieben oder acht Jahren, ich fing kaum an zu studieren…“
„Hat sich nicht viel geändert“, sagte Mark.
„Wie gesagt, vor sieben, acht Jahren hielt ich mich bereits für einen großen Schriftsteller. Ich hatte meine Deutschlehrer mit meinen Texten genervt. Die organisierten mir sogar eine Plattform für meine Überheblichkeit. Ich hielt Lesungen an Schulen. Ich kam gut an. Die Schüler wollten was Gedrucktes von mir haben. Und ich dachte, ja, ich bin so gut, das steht mir zu. Man soll meine Geschichten gefälligst drucken. Leider war keiner der großen Verlage interessiert. Ich war ständiger Gast auf der Frankfurter Buchmesse, und wollte mich präsentieren. Bis ich zum Stand eines Verlags gekommen bin, der mit den goldenen Worten warb: ‚Manuskripte willkommen‘. Das Ganze hatte auch noch einen seriös wohlklingenden Namen: Friedrich Schiller-Verlag. Und alle hörten sie mir zu. Sie nahmen dankbar meine Manuskripte entgegen, und schon ein paar Tage später hatten wir einen Deal. Für ein paar lumpige Euro würden sie mich verlegen, und alles dafür tun, dass das Werk einen ordentlichen Vertrieb findet, und dass für mich geworben wird.“
„Du hast deine Seele verkauft.“
„Zumindest mein Gehirn hab ich irgendwo liegen lassen. Und ich entschied mich, ein Stück von mir zu veröffentlichen. Es hatte zweihundert Seiten, hatte extravagante und elaborierte Regieanweisungen, teure Kulissen… es war praktisch unaufführbar, wie der zweite Teil von Goethes „Faust“. Dabei war es eigentlich nur ein Dialog zwischen dem Tod und dem Leben.“
„‚Das Leben und der Tod.‘“
„Nicht ganz. ‚Der Tod und das Leben.‘“
„Du hast also ein Book-on-Demand rausgehauen.“
„Ja. Es erübrigt sich zu sagen, dass es weder ordentlich vertrieben noch dafür geworben wurde. Ein Book-on-Demand ist wie ein Party Crasher, der die Gäste beleidigt, und den Schamps leersäuft, und dann noch den Nerv hat zu behaupten, er gehöre dazu.“
„Und dieses Buch geistert noch durchs Netz?“
„Ja. Es ist wie ein rachsüchtiger Geist, der mich für meinen Fehler bestrafen will. Kröger muss drüber gestolpert sein.“
„Du glaubst, er hat’s gelesen?“, fragte Mark.
„Ich weiß nicht. Eher nicht. Ich glaube, die Geste allein hat ihm nicht gepasst. Da tut jemand alles, um verlegt zu werden. Bezahlt sogar dafür. Dabei ist das Jahre her.“
„Ich glaube nicht, dass Kröger so überzogen reagieren würde. Ihm hat doch dein Manuskript gefallen. Das ist doch alles, was zählt.“
„Vielleicht.“
„Dann muss irgendwas anderes vorgefallen sein. Mach dir nicht zu viele Gedanken. Mach dich lieber auf Besuch gefasst.“
„Besuch?“
„Während du dich pausenlos selbst gegoogelt hast, hab ich zwei Mädels angeschrieben, mit denen ich seit längerem rumschäkere. Ich hab sie überredet, herzukommen.“
„Jetzt? Es ist mitten in der Nacht.“
„Keine Sorge, die bringen Alkohol mit.“
„Die Wohnung ist auch nicht besonders aufgeräumt…“
„Entweder die Mädels oder Friendscout, Erik. Also?“
„Na schön, dann sag denen, sie dürfen kommen.“
„Zu spät. Sie sollten jeden Moment da sein.“
Mark war ein echter Freund. Immer bereit zu teilen. Andererseits würden die Mädels eh nur an ihm hängen. Ich würde ihnen allerhöchstens was zu trinken einschenken. Tiefer würde unsere Diskussion nicht gehen.

Fortsetzung folgt