Willkommen daheim!

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Samstag, 30. Mai 2015

Lieblingszitate: Die Tagesshow



Die folgenden Zitate stammen aus Walter van Rossums tollem Buch Die Tagesshow. Wie man die Welt in 15 Minuten unbegreiflich macht, auf das ich auf Stefan Niggemeiers Blog gestoßen bin. Es ist mindestens genauso polemisch wie analytisch, wütend wie humorvoll. Fernab von abstrusen Theorien zeigt van Rossum die strukturellen Probleme der "Idee" Tagesschau, die man nicht einfach wegdiskutieren kann. Gibt's auch als Radiofeature.


Die Tagesschau hat im Laufe Jahre ihre eigene Dramaturgie entwickelt. Das heißt, sie reagiert nicht auf die Welt, auf die Natur der zu vermittelnden Ereignisse und Strukturen, über die sie zu berichten vorgibt, sondern sie reproduziert vor allem sich selbst.“

Die Tagesschau zeigt uns niemals eine Welt und schon gar nicht unsere Welt, in der wir uns orientieren müssen, sondern sie wiederholt stets nur ihre extrem restringierte Ikonographie. Die Tagesschau erzeugt das Kontinuum der Welt als die ewige Wiederholung ihrer eigenen Stereotypen.

Und wenn man versucht, dahinterzukommen, worin die außerordentliche Bedeutung von Anne Will bestehen soll, dann stößt man in erster Linie auf die Semiotik ihrer Augenbrauen.

Man präsentiert uns die Welt als eine Folge simulierter Ereignisse, eine Realität, die keinerlei Wert auf unsere Beteiligung legt, ein pausenloses Fait accompli. Das Reale ist stets ein Prozess. Die Tagesshows stellen das Reale still, frieren es in Ereignissen ein, die keine sind. Ereignisse, in denen das Reale Audienz gewährt: ein Blick auf den Kabinettstisch voller verschlossener Akten, eine Pressekonferenz bei Porsche oder Telekom, wo Wirtschaftskapitäne Kurs nehmen, aber der Besatzung das Ziel verschweigen.“

Und wie wir gesehen haben, bedeutet die Unbegreiflichkeit der Fernsehnachrichten nicht, dass sie nichts bedeuten, sondern sie produzieren Markierungen des Realen, geben dem Faktischen das Gewicht des Normativen. So ähnlich funktioniert auch der Fernsehkommentar. Dieses Wortgeschwurbel mag lächerlich sein, wenn man intellektuelle Erwartungen hegt, aber dieser verbale Impressionismus hat Methode, die es versteht, ihre Botschaften an den Mann zu bringen. […] Seht her: Es ist ganz leicht, sich eine Meinung zu bilden. […] Es ist auch nicht wirklich schlimm, wenn Sie das Gegenteil denken. Hauptsache – und darin besteht die ganze 'Kunst' des Tagesthemen-Kommentars –, Hauptsache, Sie sprengen nicht den Rahmen des 'Denkens', das wir Ihnen vormachen. Wenn die Fernsehnachrichten das Faktische zur Norm erheben, dann markieren die Kommentare den weltanschaulichen Rahmen, in dem wir die zur Norm gewordenen Fakten zu sehen haben. Alles andere wäre Extremismus und also fast kriminell. Diese Denkschauspieler haben niemals nennenswerte Gedanken im Angebot, ihre Zentralaufgabe besteht darin, den Radius des politischen Denkens äußerst überschaubar zu halten.“

Eine der Techniken, der sich die Tagesschau [...] bedient, besteht darin, die Kontur des Neuen mit der Routine des Gemurmels zu tarnen und in ein allgemeines Hintergrundgeräusch zu verwandeln.“

Der letzte Weltdeutungsversuch der Tagesthemen findet als Wetterbericht statt. Es ist der einzige mit Erkenntnisgewinn.“

Quelle: 
Walter van Rossum: Die Tagesshow. Wie man in 15 Minuten die Welt unbegreiflich macht. 2. Auflage. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2007.
  


Freitag, 8. Mai 2015

Mein kleines goEast 2015

Der rote Kakadu ©goEast

Vor wenigen Wochen ist das fünfzehnte goEast-Filmfestival in Wiesbaden zu Ende gegangen. Aufgrund diverser Verpflichtungen konnte ich nicht alles mitnehmen, aber dafür war ich zum Beispiel bei der feierlichen Eröffnung und habe zwei tolle, aber sehr düstere Filme von Zvonimir Jurić gesehen. Einerseits muss man das nicht gut finden. Schon wieder wird man mit osteuropäischem Kino belästigt, dass uns mit für westliche Verhältnisse unzumutbaren Zuständen konfrontiert. Lokalfilmischer Elendstourismus, geeignet als Arthaus-Exploitation für saturierte westliche Gutmenschen, die sich mit Recht über die kroatischen Verhältnisse echauffieren, sie aber gleichzeitig auch aus der Ferne genießen können. Etwas überspitzt formuliert, aber da ist ja auch was dran.
Doch als ich mit den beiden Filmen im dunklen Kinosaal alleingelassen wurde, war ich persönlich ganz woanders. Ich war nicht in Kroatien, auch nicht in Deutschland, sondern an einem Ort, den es mit etwas Glück gar nicht gibt. 

Der achte Wochentag ©goEast

Eine weitere Entdeckung fand auf dem von Olaf Möller betreuten Artur Brauner-Symposium statt: der Regisseur Aleksander Ford. Ford, einer der "Architekten des volkspolnischen Films" (Möller) wurde, obwohl überzeugter Kommunist, irgendwann zu unbequem für die Oberen und sah sich gezwungen das Land 1968 zu verlassen. Es folgte eine lange Zeit der Emigration und Heimatsuche, die ihn nach Israel, Dänemark und schließlich in die Vereinigten Staaten führte, wo er sich 1980 das Leben nahm
Der achte Wochentag, die erste deutsch-polnische Koproduktion, wurde bei der Premiere 1958 von beiden Seiten gemieden, in Polen wurde der Film sogar für ein Vierteljahrhundert verboten. Der Film selbst ist unsagbar trist, ein Stück für den Hofbauerkongress, bestens geeignet für ein Double Feature mit Der Perser und die Schwedin. Ein Film über eine aufrichtige, aber schwierige Liebe. Eine Liebe, die die Aenwelt massiv erschwert, da sie von alkoholisierten Zynikern, besiegten Träumern und grauen Alltagssoldaten beherrscht wird. 

Der erste Kreis ©goEast

Der zweite Ford, den ich gesehen habe, war Der erste Kreis, eine Solschenizyn-Verfilmung, die bei der Kritik damals durchgefallen ist, weil, so Olaf Möller, der Film permanent an dem großen Schriftsteller gemessen wurde. Das Werk selbst krank an einem ziemlich unterirdischen englischen Dub und einer Darstellung von Stalin, die an diejenige von George Steinbrenner in Seinfeld erinnert. Dennoch ist Der erste Kreis ein extrem interessanter Film, der mit Gunther Malzacher einen großartigen deutschen Hauptdarsteller hat, dem man seine Melancholie und überhaput sein "Russisch-sein" komplett abnimmt.

Flucht in die Sonne ©goEast

Ein weiteres Kleinod war Menahem Golans Flucht in die Sonne, der mit Dominik Grafs Der rote Kakadu eine weitere interessante Doppelvorstellung ergäbe. In beiden Filmen geht es um die Sehnsucht nacht Flucht, nach Freiheit, um rigide politische Systeme und geradezu episch aufbereitete Liebesgeschichten. Und selbstverständlich sind beide Filme extrem stilisiert und bieten nicht unbedingt eine streng realistische, faktische Chronologie der Ereignisse, sondern reines Kino: emotional, effektreich, gewaltig. Dennoch erzählen Graf und Golan im Grunde dieselbe intime Geschichte einer unglücklichen Dreiecksverbindung zwischen Privatem und Politischen. Leise Themen, groß ausgespielt.
Aber ich bin froh, dass Menahem Golan kein Politiker, sondern Filmemacher geworden ist, andernfalls wäre die Welt ein noch chaotischerer Ort als jetzt, wenn das überhaupt möglich ist.