Willkommen daheim!

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Dienstag, 7. März 2017

Overcinephilie – Zwei Interviews

 

Interview Nr. 1


Vor einem Jahr war ich wieder in Berlin, eine Stadt, die ich als Kind unerhört spannend fand, aber noch nie als Erwachsener betreten hatte. Anlass war ein Interview, das Regisseur und REVOLVER-Mitherausgeber Christoph Hochhäusler, mit einer Gruppe von Kinomenschen (darunter Filmschreiber, Filmemacher, Autoren und Journalisten) unter dem Stichwort „Neue Cinephilie“ führen wollte. Was tut sich mit der deutschen Filmleidenschaft? Wo findet sie statt? Warum? Für wen? Was für eine Rolle spielt dabei der Kanon?
Aber zurück zu Berlin. Ich war keine vier Jahre alt, kannte aber den Alexanderplatz schon auswendig (letztes Jahr hab ich ihn nicht wiedererkannt). Ich erinnere mich an Döner Kebap mit Zaziki. Meinen ersten Döner habe ich in dieser Stadt probiert. Und ja, das macht was mit einem.
Als Teenager war ich da, als das MoMA für eine Zeitlang einige seiner Werke in Berlin zwischenlagern musste und daraus eine Ausstellung machte. Das Ganze fand in der Neuen Nationalgalerie statt, wo ich Bilder von Monet, Magritte, aber auch Pollock zum ersten Mal zu Gesicht bekam. Da lief auch Bunuels und Dalis Ein andalusischer Hund in Dauerschleife. Es war aufregend.
Berlin ist für Viele immer noch ein Sehnsuchtsort. Andere kritisieren die Stadt als Hipsterhochburg. Die Band Kraftklub hat es ja schön auf den Punkt gebracht (und KIZ haben auch schön darauf geantwortet). Ein Kommilitone von mir (ein feingeistiger Germanist, der in seiner Freizeit Lyrik schrieb) ist nach dem Studium dahingezogen und prompt in der Pornobranche gelandet. Auch das ist Berlin. 





Es war magisch zurückzukommen. Ich bin älter geworden, die Stadt aber auch. Wir waren beide etwas verschämt, aber auch froh über das Wiedersehen.
Nachdem wir einige Gesprächsteilnehmer in einer schönen Altbauwohnung getroffen hatten und schon mal auf das kommende Februarwochenende anstießen, ging es ins Hotel. Als Andreas, Kurt und ich aus dem Aufzug stiegen, kamen uns auf dem Gang zwei leicht bekleidete Blondinen entgegen, die sich scheinbar wunderbar amüsierten. Berlin, dachte ich. Hier hat man noch Spaß.
Das Hotel im Stadtteil Lichtenberg hatte angeblich vier Sterne, aber mindestens einer davon war geklaut. Das verrieten der günstige Übernachtungspreis, das kaputte Fenster und der angeschimmelte Wasserkocher auf dem Zimmer. Der Handwerker, der später das Fenster reparieren sollte, erzählte uns was von Leuten, die manchmal hier runtersprangen (es war der 20. Stock oder so was).
Am nächsten Tag fand das REVOLVER-Gespräch statt in angenehmer Atmosphäre. Zeugnis davon legt die aktuelle Ausgabe ab. 



Lichtenberg von oben

Der nächste Tag (es war ein Sonntag) war noch ganz der Stadt versprochen. Kurt, Andreas und ich haben verzweifelt ein Café zum Frühstücken gesucht, doch Lichtenberg war unerbittlich. Wir sind schließlich in Kreuzberg gelandet, in einem netten, kleinen Café, das von zwei türkischen Schwestern betrieben wurde. Ihr Stammgast war ein melancholisch dreinblickender Mann, der außer seiner ausgeprägten Tristesse auch echte Sympathie für die ältere Schwester aufbrachte. Als er kurz rausging, erzählte diese uns: „Das ist Holger. Er ist ein bisschen verliebt in mich.“
Die beiden Schwestern haben sich auch ein bisschen in Kurt verguckt und haben ihm das Versprechen abgerungen, die darauffolgende Woche (am Valentinstag!) wiederzukommen. Doch Kurt kam nicht wieder. Wie es sich für wahre Cinephile gehört, haben wir uns offenbar selbst in einen Film begeben. Geschrieben von Wolfgang Kohlhaase...
Den Abend verbrachten wir mit den verbliebenen Gesprächsteilnehmern und deren Freunden in einer Art bayerischen Vorhölle, die sich Hofbräuhaus nannte. So oder so ähnlich müsste sich das Oktoberfest anfühlen, wenn Walmart es gekauft hätte. Wir endeten (wer hätte es ahnen können?) in einem Ulrich-Seidl-Film. So spielt das Leben. 





Interview Nr. 2



Ich gebe es zu: Letztes Jahr wusste ich noch nicht, wer Lutz Dammbeck ist. Overgames startete da in einigen Kinos und ich war gerade begeistert von den BBC-Dokumentationen von Adam Curtis, der es auf so scheinbar mühelose Art schaffte, komplexe gesellschaftspolitische Vorgänge mehr als anschaulich zu vermitteln. Curtis ist ein Journalist, der in historischen, weltumspannenden Narrativen die Story findet, die er erzählen will und er tut es auf meisterliche Art. Dabei bedient er sich der Collage, der Montage und eines ausgeklügelten Soundtracks – ein Journalist, der erzählt wie ein Filmemacher. Und als ich mich über Overgames informierte und die spannenden Themen, die der Regisseur zu einer ganz eigenen Mindmap formt, die von Propaganda zu Reeducation, von Soziologie zu Gameshows, von Joachim Fuchsberger zu Margaret Mead reicht, war ich neugierig auf noch jemanden zu stoßen, der es sich „traut“, eine eigene Zustandsbeschreibung der Welt zu präsentieren, ohne Netz und doppelten Boden (also ohne vorherige Literatur, die die Fäden genauso verknüpft wie der Filmemacher es vorhat).  

Genau das ist es auch, was Curtis und Dammbeck verbindet. Alles Andere trennt sie. Nachdem ich Overgames gesehen habe, war mir klar, da ist eine völlig andere Sensibilität am Werk. Dammbeck, aus der bildenden Kunst kommend, nimmt sich nicht nur die Freiheit, intellektuelle Zusammenhänge zu dekonstruieren und neu zusammenzufügen, er nimmt sich vor allem auch Zeit. Der Film nimmt sich zweieinhalb Stunden, um in Archiven zu stöbern, Leute zu interviewen (nebenbei kleine aber prägnante Porträts zu liefern), einen Roadtrip durch die USA zu inszenieren, und einfach das sinnliche Element dieser Spurensuche zu betonen.
Nach dem Screening in Anwesenheit des Regisseurs hatte ich mich spontan entschieden, ein Interview mit ihm zu führen. Dieses findet sich in der aktuellen Ausgabe der österreichischen kolik.film (ein erweitertes Outtake des Interviews gibt es bei Eskalierende Träume).
  
Dammbeck ist ein dankbarer Gesprächspartner, der sich der „Postproduktion“ eines Interviews genauso gern widmet wie dem eigentlichen Dialog. Dabei habe ich mitbekommen, wie akribisch er zum Beispiel die Untertitelung seiner Filme überprüft (seien es französische oder russische Untertitel) und wie sehr er dafür kämpft, den Film in seiner ungekürzten Originalfassung zu präsentieren, wie kürzlich bei ARTE geschehen (vom 6. - 13.März 2017 online in der Mediathek). Das ist Einsatz. Aber auf der anderen Seite macht er nur seine Arbeit. Und das ist das, was Künstler nun mal wollen. 

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