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Freitag, 9. Juni 2017

goEast 2017 Teil 3 - Krylya (1966)

©goEast
Der folgende Text, ein Nachtrag zu den goEast-Texten auf Eskalierende Träume, ist ein Gastautorenbeitrag. (Hier findet man Teil 1 und Teil 2)



Krylya / Wings  

 

Larisa Shepitko (1966 UdSSR)

goEast 2017 - das Festival des mittel- und osteuropäischen Films beschäftigte sich in diesem Jahr mit starken Frauenfiguren hinter und vor der Kamera. Persönlich hatte ich mich besonders gefreut auf die sowjetischen Nachkriegsfilme in Schwarzweiß, erinnerten sie mich doch in ihrer Ästhetik und inhaltlich an einige Filme aus meiner Jugendzeit, die ich bei meinen Eltern auf VHS im Regal entdeckt und immer wieder gesehen hatte: Filme, die immer ein Gefühl von Vertrautheit und Heimat in mir wecken. Tatsächlich war es ein solcher sowjetischer Nachkriegsfilm, der mich von allen auf dem Festival gesehenen Filmen am nachhaltigsten berührte: Krylya / Wings.

Krylya zeigt Nadezhda Petrukhina (Maya Bulgakova), eine ehemalige Pilotin der Roten Armee, die in der Nachkriegszeit als Mutter und Schuldirektorin ein ordinäres Leben führt. In der Öffentlichkeit als Kriegsheldin gefeiert und im Herzen immer noch eine pflichtbewusste Soldatin, die immer das tut, was getan werden muss, lebt Nadezhda in einer Welt, die ihr fremd ist und in der sie mit der gewohnten Pflichterfüllung und Moralität zu scheitern droht. Die Beziehung zu ihrer Tochter Tanya ist brüchig und auch zu ihren Schülern hat Nadezhda keinen emotionalen Zugang, sie agiert nach außen hin autoritär wie ein General. Nur wenn Nadezhda alleine ist, zeigt sich, wie verletzlich sie ist, wie nah ihr die Auseinandersetzungen mit ihrer Tochter gehen, wie sehr sie unter der Einsamkeit leidet.

Unwillkürlich ereilen Nadezhda Tagträume vom Fliegen. Von oben erscheint die Welt für sie erstrebenswert und friedlich. Das Flugzeug gleitet ziellos durch die Luft, die Zeit scheint stehen zu bleiben, es wird endlich still. Der Himmel ist der einzige Ort, an dem Nadezhda wirklich sein möchte. Wie in einem Traum, kreisen Nadezhdas Gedanken um diesen Ort, immer und immer wieder. Dort fühlt sie sich frei und scheinbar sicher und erst im weiteren Verlauf erkennt der Zuschauer, dass der Himmel für Nadezhda nicht nur ein Zufluchtsort ist, sondern auch der Ort, an dem sie ihre große Liebe verloren hat: Fliegerkollegen Mitya, der bei einem Fliegereinsatz im zweiten Weltkrieg ums Leben kam.

Der Film zeichnet ein feines psychologisches Porträt einer Frau, die wie ein Vogel mit gestutzten Flügeln an den Boden gefesselt ist und doch eigentlich fliegen möchte. Einer Frau, die ohne die Vergangenheit in der Gegenwart nicht zu begreifen ist. Einer Frau, die immer wieder an den Ort zurückkehren muss, der ihr größtes Glück und größtes Unglück zugleich bedeutet. Und der Zuschauer beginnt zu verstehen, wer Nadezhda Petrukhina wirklich ist.

Eugenia Mantay
 



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