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Sonntag, 1. April 2018

Ein Film von Mike Figgis - Liebestraum (1991)


Liebestraum ist ein Film von Mike Figgis, der mich komplett unvorbereitet traf. Ein schwer fassbares, faszinierendes Werk. Mystery, Noir, Romanze, Thriller in einem und doch ganz eigen, an manchen Stellen sogar außerordentlich lynchesk. Das leicht gedehnte Erzähltempo funktioniert hervorragend und lässt einen die vielen intimen Momente genießen, die die Kamera einfängt und die Montage abrundet. Die Geschichte eines historischen Gebäudes, das vorm Abriss steht und dunkle Geheimnisse aus der Vergangenheit beherbergt, hätte auch alle Zutaten für einen italienischen Giallo. Doch der Film macht mehrere Metamorphosen durch. Er beginnt als Film Noir, entwickelt sich zu einem Geisterfilm, der sich in eine Romanze verwandelt, die am Ende wieder eine bedrohlich somnambule Qualität erreicht.

Erfolgreich war der Film freilich nicht. Nach dem Achtungserfolg von Figgis' Internal Affairs blieb er in jedem Fall hinter den Erwartungen zurück. Auch die Kritiker taten sich schwer. Roger Ebert schrieb damals: „Anderson, as the hero, is asked to do too much introspective brooding for any one actor. Pullman, as the villain, lacks hatefulness and edge. Gidley, as the heroine whose past contains her fate, is in one of those roles that has no dimension except as an element of the plot.“
Eine treffende Demonstration amerikanischer Besessenheit von pedantischer inhaltlicher Ausformulierung. Wenn Schauspieler nicht genug machen („machen“ ist hier das Zauberwort, denn die Charaktere müssen immer etwas machen, um „den Plot voranzutreiben“) oder sagen, wird sofort ein „lack of character“ diagnostiziert. Und ein generischer Thriller wie Kenneth Branaghs Dead Again, der zeitgleich mit Liebestraum erschien, gilt als gelungener, weil er wie ein Zirkusaffe seinen Drehbuchkapriolen folgt und wir alle uns daran erfreuen.
Ebert zieht folgendes Resümee: „Figgis, who shows once again that he is a visual master, is guilty of a screenplay that is all twists and no substance.” Ein ähnliches Fazit aus der Variety-Kritik: „Figgis’ problem here is the confused script, which doesn’t seem to have a point.” Das alte style-over-substance-Argument schließt den Fall ab und wir können alle beruhigt nachhause gehen.
Aber was, wenn die substance im style verborgen liegt? Was, wenn der Film mit seinen ästhetischen Strategien mehr zu den Achtziger Jahren gehört als zu den pragmatischeren Neunzigern? Was, wenn die Charaktere nicht aus dem bestehen, was sie sagen, sondern aus ihren Pausen, ihren Blicken und ihren Silhouetten, die uns aus den Schatten heraus ihre Geheimnisse zuflüstern? Was ist, wenn Mike Figgis uns die Noten hören lässt, die nicht gespielt werden? 

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